Am 25. September 2005 hat das Schweizer Stimmvolk den Bundesbeschluss zur Ausdehnung des Freizügigkeitsabkommens (FZA) auf die zehn Staaten, die im Mai 2004 der Europäischen Union beigetreten waren — Zypern, Estland, Ungarn, Lettland, Litauen, Malta, Polen, Slowakei, Tschechien und Slowenien — mit 56,0 % angenommen. Die Stimmbeteiligung lag bei 54,5 %.
Die Abstimmung umfasste zugleich die Revision der flankierenden Massnahmen gegen Lohn- und Sozialdumping, zentrales Element der politischen Einigung zwischen der Regierungsmehrheit und den Gewerkschaften. Die SVP, die AUNS und mehrere konservative Kreise hatten das Referendum ergriffen und das Gespenst einer Migrationswelle aus Mittel- und Osteuropa beschworen.
Die Ausdehnung trat am 1. April 2006 in Kraft, mit einer Übergangsregelung von Kontingenten und Inländervorrang bis zum 1. Mai 2011. Diese Faktenkarte konfrontiert die Hauptargumente der Kampagne 2005 mit den seit dem Inkrafttreten dokumentierten Tatsachen.
▲ Annehmende Kantone Zürich, Bern, Luzern, Zug, Freiburg, Solothurn, Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Schaffhausen, St. Gallen, Graubünden, Aargau, Thurgau, Waadt, Wallis, Neuenburg, Genf, Jura | ▼ Ablehnende Kantone Uri, Schwyz, Obwalden, Nidwalden, Glarus, Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden, Tessin |
Akteure und Persönlichkeiten
▲ Ja-Lager • Bundesrat (Kampagnenführung durch Joseph Deiss (EVD) und Pascal Couchepin) • SP, FDP, Mitte, Grüne (Regierungs- und Ökoparteien) • SGB und Gewerkschaften (Unia) (bedingte Unterstützung dank Revision der flankierenden Massnahmen) • economiesuisse, sgv, hotelleriesuisse (Wirtschaft und Gewerbe) • Schweizerischer Bauernverband (gemeinsame Ja-Kampagne mit dem sgv) • Konferenz der Kantonsregierungen (institutionelle Unterstützung) | ▼ Nein-Lager • SVP (wichtigste Referendumspartei) • Christoph Blocher (SVP-Bundesrat, Justizminister) • AUNS (Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz) • Schweizer Demokraten, Lega dei Ticinesi (nationalistisch-konservative Parteien) • Kritische Teile von KMU und Gewerkschaften (Zweifel an der Wirksamkeit der flankierenden Massnahmen) |
Argumente und Verdikte
▲ Argumente DAFÜR (Bundesrat, Regierungsparteien, Wirtschaft, SGB) Keine Schweiz mit zwei Geschwindigkeiten gegenüber der EU « Es ist undenkbar, dass die Schweiz Polen oder Tschechen verweigert, was sie den fünfzehn früheren Mitgliedstaaten gewährt hat. Eine Ablehnung gefährdet die Bilateralen I in ihrer Gesamtheit. » — Bundesrat, Abstimmungsbüchlein 2005 ✓ ✓ Argument bestätigt Bundesrat und EU haben die Ausdehnung tatsächlich als direkte Fortsetzung des FZA behandelt. Eine Ablehnung des Protokolls hätte aufgrund der Guillotine-Klausel der Bilateralen I das gesamte Paket der sieben Abkommen gefährdet. Dieser institutionelle Aspekt wurde seither regelmässig bestätigt (insbesondere bei der Abstimmung vom 9. Februar 2014 zur Masseneinwanderungsinitiative, deren Umsetzung das FZA bewahrte). Source : EDA, FZA-Dossier; Parlamentsdebatten zur Umsetzung des 9. Februar 2014 Gut für die Schweizer Wirtschaft und qualifizierte Arbeitskräfte « Die Ausdehnung erlaubt es Schweizer Unternehmen, in Mitteleuropa benötigte Fachkräfte zu rekrutieren, und stützt das Wachstum. » — economiesuisse, Kampagne 2005 ✓ ✓ Argument bestätigt Die Einwanderung aus den neuen Mitgliedstaaten hat tatsächlich die Rekrutierung in Gesundheit, Hotellerie, Bau und Industrie genährt. Auch 2024 erreichte die Nettozuwanderung EU/EFTA 53 700 Personen und trug zu einer EU-Erwerbsquote von 86,8 % in der Schweiz bei. SECO und zahlreiche Studien (Avenir Suisse, BAK Economics) attestieren eine insgesamt positive Wirkung auf das BIP pro Kopf. Source : SECO, jährliche Berichte zur Personenfreizügigkeit; Schweizerischer Arbeitgeberverband, FZA-Analysen 2024-2025 Die flankierenden Massnahmen schützen die Löhne « Die flankierenden Massnahmen erlauben eine wirksame Überwachung des Arbeitsmarkts und beugen Lohn- und Sozialdumping vor. » — SGB, Kampagne 2005 ✓~ ✓~ Teilweise bestätigt SECO und die tripartiten Kommissionen haben Kontrollen eingerichtet, die jährlich Zehntausende von Unternehmen und entsandten Arbeitnehmern erfassen. Die jährlichen SECO-Bilanzen kommen zu einer insgesamt positiven Wirksamkeit mit einer eingedämmten Lohnverstossquote. Die Gewerkschaften — die dies zur Bedingung gemacht hatten — bemängeln jedoch anhaltende Schwächen: zu geringe Sanktionen, kantonal ungleiche Umsetzung, realer Lohndruck auf Grenzgänger im Tessin. Source : SECO, jährliche FlaM-Berichte; Universität Genf, Studien zur Lohnwirkung; Positionen SGB/Unia; kantonale Berichte | ▼ Argumente DAGEGEN (SVP, AUNS, konservative Kreise) Massive Einwanderungswelle aus Osteuropa « Mit der Öffnung auf die zehn neuen Staaten werden Hunderttausende polnischer, tschechischer und baltischer Arbeitskräfte in die Schweiz strömen. » — SVP, Kampagne 2005 ✗ ✗ Argument widerlegt Die angekündigte Welle blieb aus. Die Einwanderung aus den acht mittel- und osteuropäischen Ländern (EU-8) blieb moderat, gebremst durch das Übergangsregime bis 2011 und durch die Anziehungskraft anderer Ziele (Vereinigtes Königreich, Irland, Deutschland). Die Mehrheit der EU-Einwanderung stammt weiterhin aus der EU-15 (Deutschland, Italien, Frankreich, Portugal). Polnische Staatsangehörige machen einen geringen Anteil am EU/EFTA-Bestand in der Schweiz aus. Source : Bundesamt für Statistik (BFS), Bevölkerungsstatistik; SEM, Statistiken zu EU/EFTA-Staatsangehörigen Explosion des Lohn- und Sozialdumpings « Polen und Tschechen akzeptieren Hungerlöhne — das löst einen Zusammenbruch der Schweizer Löhne aus. » — SVP, Kampagnenrede 2005 ✗~ ✗~ Teilweise widerlegt Studien von SECO und der Universität Genf kommen zu insgesamt moderaten Wirkungen der Einwanderung auf die Löhne. Bei vergleichbaren Merkmalen erhalten EU/EFTA-Staatsangehörige im Durchschnitt ähnliche Löhne wie Schweizerinnen und Schweizer. Im Tessin wurde jedoch ein Unterbietungsrisiko für Grenzgänger identifiziert, was die Kritik teilweise belegt, aber nicht den angekündigten Zusammenbruchseffekt. Source : SECO, jährliche FlaM-Berichte; Universität Genf, Studien zur Lohnwirkung Explosion der Arbeitslosigkeit in der Schweiz « Die Ausdehnung lässt die Schweizer Arbeitslosigkeit infolge der Konkurrenz osteuropäischer Arbeitskräfte explodieren. » — SVP, Kampagne 2005 ✗ ✗ Argument widerlegt Die Arbeitslosenquote in der Schweiz kennt keinen strukturellen Anstieg, der der Ausdehnung zugeordnet werden könnte. Im Zeitraum 2006-2024 blieb sie je nach Konjunktur zwischen 2 % und 4,5 % und gehört zu den tiefsten Europas. Studien von SECO und SRF bestätigen keinen massiven Verdrängungseffekt von Schweizer Arbeitskräften durch EU-Angehörige. Die Erwerbsquote der Schweizer blieb parallel hoch. Source : SECO, Arbeitslosenstatistik; BFS, Beschäftigungsstatistik |
Faktische Bilanz
2 Bestätigt | 1 Teilw. bestätigt | 1 Teilw. widerlegt | 2 Widerlegt |
| ✓ | Wirtschaft: insgesamt positiver Arbeitskräftezufluss Die Ausdehnung des FZA hat es Schweizer Unternehmen ermöglicht, ihren Rekrutierungspool nach Mitteleuropa auszuweiten und so das Wachstum in Gesundheit, Industrie, Hotellerie und Bau zu stützen. SECO und Arbeitgeberverband schliessen auf eine insgesamt positive Bilanz bei Beschäftigung und BIP. Source : SECO; Schweizerischer Arbeitgeberverband, FZA-Analysen 2024; Avenir Suisse |
| ✓ | Migration: keine Welle aus Osteuropa Im Gegensatz zu den katastrophistischen Voraussagen des Nein-Lagers blieb die Einwanderung aus den EU-8 moderat. Die Mehrheit der EU-Migranten in der Schweiz stammt weiterhin aus der EU-15. Das Übergangsregime 2006-2011 hat zudem eine progressive Glättung ermöglicht. Source : BFS, Bevölkerungsstatistik; SEM, EU/EFTA-Statistiken |
| ~ | Löhne und Dumping: moderate Wirkungen, Tessin unter Druck Insgesamt wurden die Schweizer Löhne durch die EU-Einwanderung nicht nach unten gezogen — EU/EFTA-Angehörige erhalten im Durchschnitt vergleichbare Löhne wie Schweizer. Eine Ausnahme bleibt jedoch: der Tessiner Grenzgängermarkt, wo Lohndruck dokumentiert ist. Die SVP-Kritik am Dumping ist also lokal teilweise bestätigt. Source : SECO, FlaM-Berichte; Universität Genf, Wirkungsstudien; Berichte aus dem Kanton Tessin |
| ✓ | Flankierende Massnahmen: wirksam, aber verbesserbar Das FlaM-Dispositiv, gewerkschaftliche Bedingung des Ja, hat sein Versprechen weitgehend gehalten. Die Kontrollen umfassen jährlich Zehntausende Unternehmen, doch die Gewerkschaften kritisieren weiterhin zu schwache Sanktionen und ungleiche kantonale Umsetzung. Die Debatte um Verstärkung bleibt aktuell. Source : SECO, jährliche FlaM-Berichte; SGB und Arbeitgeberpositionen; aufeinanderfolgende Parlamentsdebatten |
Zwanzig Jahre nach der Ausdehnung der Personenfreizügigkeit auf die zehn neuen Mitgliedstaaten bestätigt die faktische Bilanz mehrheitlich die Argumente des Ja-Lagers. Die alarmistischsten Voraussagen des Nein-Lagers — massive Migrationswelle, Lohnzusammenbruch, Arbeitslosigkeitsexplosion — sind nicht eingetreten.
Das Argument des Lohndumpings ist hingegen nicht völlig unbegründet: Der Tessiner Grenzgängermarkt erfährt realen Druck, und die Gewerkschaften zeigen zu Recht Grenzen des FlaM-Dispositivs auf. Doch der angekündigte verallgemeinerte Effekt blieb aus — EU/EFTA-Angehörige erhalten im Durchschnitt vergleichbare Löhne wie Schweizer.
Institutionell hat die Ausdehnung den bilateralen Weg stabilisiert und eine Auslösung der Guillotine-Klausel verhindert. Das ist wohl der strukturierendste Effekt: Die Schweiz hat sich an ein sich entwickelndes europäisches System angedockt, dessen Konturen sie bei jeder europapolitischen Abstimmung (2014, 2020, 2025) weiterhin debattiert.