Am 4. September 2011 entscheidet die Waadtländer Stimmbevölkerung zwischen zwei Schulmodellen. Sie nimmt mit rund 52 % Ja das neue Gesetz über die obligatorische Schule (LEO) an — den Gegenvorschlag des Grossen Rates — und lehnt die Volksinitiative « Schule 2010: Die Schule retten » ab (rund 41 % Ja). Die Beteiligung liegt bei etwa 40 %.
Die LEO setzt das HarmoS-Konkordat im Kanton um: Schulpflicht ab 4 Jahren, elfjähriger Bildungsweg und vor allem eine in zwei Züge gegliederte Sekundarstufe — den vorgymnasialen Zug (VP) und den allgemeinen Zug (VG) — mit Niveaus in Französisch, Mathematik und Deutsch. Die Initiative « Schule 2010 » wollte hingegen drei klar getrennte Bildungsgänge, Noten ab dem ersten Schuljahr und einen sogenannt « expliziten » Unterricht.
Mehr als zehn Jahre nach Inkrafttreten der LEO (August 2013) stellt dieses Dossier die Versprechen und Befürchtungen beider Lager den beobachteten Wirkungen auf die Waadtländer Schule gegenüber.
Gesamtergebnis LEO (Gegenvorschlag) angenommen: ~52 % Ja. Initiative « Schule 2010 » abgelehnt (~41 % Ja). Bei doppeltem Ja hätte die Stichfrage zugunsten der LEO entschieden. Beteiligung ~40 %. | Abstimmungskarte Stärkere Zustimmung zur LEO in den städtischen Zentren; die Initiative hielt sich in einigen Regionen besser. Die Aufschlüsselung nach Bezirken wird hier nicht wiedergegeben. |
Akteure und Persönlichkeiten
▲ Ja-Lager • Waadtländer Staatsrat (Träger des LEO-Gegenvorschlags) • Anne-Catherine Lyon (Vorsteherin des Bildungsdepartements (SP), Galionsfigur der Reform) • SP, Grüne, Die Mitte/CVP (Unterstützung der LEO) • FDP Waadt (für die LEO, gegen die Initiative) | ▼ Nein-Lager • Komitee « Schule 2010 » (Initianten, für drei Züge und expliziten Unterricht) • SVP Waadt (gegen den LEO-Gegenvorschlag) • Liberale Partei, Centre patronal, Ligue vaudoise, EDU (Unterstützer der Initiative) |
Argumente und Urteile
▲ Argumente DAFÜR (Ja-Lager) Zwei durchlässige Züge und Niveaus: eine weniger abgeschottete Schule « Die LEO bietet eine flexiblere Orientierung als das alte starre Zugsystem. » — Argumentarium für die LEO, 2011 ✓~ Teilweise bestätigt Das Zwei-Züge-System (VP/VG) mit Niveaus ersetzte die früheren Bildungsgänge. Der Anteil der Schüler im vorgymnasialen Zug stieg von rund 24 % (1976) auf 46 % (2021), und der Zugang zum Gymnasium nahm deutlich zu. Die Debatte über das Schicksal der schwächsten Schüler bleibt jedoch offen. Quelle: vd.ch, Kennzahlen 2021; Le Temps « die schwachen Schüler, Opfer der Waadtländer Schule » Anpassung an HarmoS und Stabilisierung der Schule ✓ Argument bestätigt Die LEO trat im August 2013 in Kraft und setzte HarmoS um: Schulpflicht ab 4 Jahren und elfjähriger Bildungsweg für rund 87 000 Schüler. Der Rahmen blieb seither stabil. Quelle: vd.ch; 20 minutes (Inkrafttreten August 2013) Eine breit abgestützte Reform ✓ Argument bestätigt Ausser der SVP unterstützten alle Regierungsparteien den Gegenvorschlag. Diese breite Basis ermöglichte eine Umsetzung ohne grössere politische Infragestellung. Quelle: RTS; Mitteilungen vd.ch | ▼ Argumente DAGEGEN (Nein-Lager) Es braucht drei getrennte Züge und « expliziten » Unterricht « Die Schule retten heisst zu klaren Bildungsgängen und strukturiertem Unterricht zurückkehren. » — Komitee « Schule 2010 » ✗ Argument widerlegt Das Volk lehnte die Initiative ab: Weder die drei getrennten Bildungsgänge noch der « explizite Unterricht » wurden eingeführt. Durchgesetzt hat sich das Zwei-Züge-Modell der LEO, das die Waadtländer Schule dauerhaft prägt. Quelle: RTS « die Waadtländer lehnen die Initiative Schule 2010 ab » Die LEO senkt das Niveau und benachteiligt gute Schüler ✗~ Teilweise widerlegt Die Befürchtung einer Niveausenkung lässt sich nicht klar belegen: Der Zugang zum Gymnasium nahm in der Periode deutlich zu und der Anteil im vorgymnasialen Zug stieg. Die pädagogische Debatte über die Betreuung schwacher Schüler bleibt jedoch lebhaft. Quelle: 24 heures « hat die LEO in zehn Jahren die Schüler verändert? » |
Faktische Bilanz
2 Bestätigt | 1 Teilweise bestätigt | 1 Teilweise widerlegt | 1 Widerlegt |
| ✓ | Die LEO trat in Kraft und hielt Ab dem Schuljahr August 2013 für rund 87 000 Schüler angewandt, führte das Gesetz die Schulpflicht ab 4 Jahren und einen elfjährigen Bildungsweg ein, seither ohne Infragestellung. |
| ~ | Zwei Züge (VP/VG) statt drei Bildungsgänge Das Zwei-Züge-Modell mit Niveaus ersetzte das alte System. Der Anteil im vorgymnasialen Zug stieg von rund 24 % (1976) auf 46 % (2021). |
| ~ | Das Schicksal der schwachen Schüler bleibt umstritten Zehn Jahre später fällt die pädagogische Bilanz gemischt aus: Mehrere Analysen verweisen auf die Schwierigkeiten der schwächsten Schüler im neuen System. |
| ✓ | Deutlich mehr Zugang zum Gymnasium Die Zahl der Gymnasiasten stieg in der Periode stark an — so stark, dass der Kanton seine nachobligatorischen Bildungsinfrastrukturen anpassen muss. |
Mehr als zehn Jahre später hat sich die LEO im Feld durchgesetzt: Sie prägt die Waadtländer Schule, ohne ernsthaft infrage gestellt worden zu sein. Ihr Versprechen einer weniger abgeschotteten Schule ist teilweise eingelöst — der Zugang zum Gymnasium nahm deutlich zu und der vorgymnasiale Zug nimmt heute fast die Hälfte der Schüler auf — doch das Schicksal der schwächsten Schüler bleibt Gegenstand einer ungelösten pädagogischen Debatte.
Die Vision der Initiative « Schule 2010 » — drei getrennte Bildungsgänge und expliziter Unterricht — wurde an der Urne verworfen und nie umgesetzt. Ihre Befürchtung einer « Niveausenkung » wird durch die Zugangszahlen zu anspruchsvollen Ausbildungen nicht bestätigt, auch wenn die Frage der Klassenheterogenität die Kontroverse weiter nährt. Im Kern entschied sich der Kanton für reformerische Kontinuität statt für die Rückkehr zu einem selektiven Modell.