Am 10. Juni 2018 stimmt das Schweizer Volk über die Initiative «Für krisensicheres Geld: Geldschöpfung allein durch die Nationalbank!» ab — besser bekannt als Vollgeld-Initiative. Getragen vom Verein Monetäre Modernisierung (MoMo), einem zivilgesellschaftlichen Komitee ohne Rückhalt der grossen Parteien, wird sie im Dezember 2015 mit über 110 000 Unterschriften eingereicht.
Die Initiative will die Funktionsweise des Bankensystems grundlegend umbauen. Heute schaffen die Geschäftsbanken den Grossteil des Buchgeldes durch Kreditvergabe. Der Text will diese Befugnis den Banken entziehen und allein der Schweizerischen Nationalbank (SNB) das Monopol der Geldschöpfung — auch des elektronischen Geldes — übertragen. Die SNB würde Geld «schuldfrei» in Umlauf bringen, etwa über Bund, Kantone oder direkt an die Bürger.
Die Initianten präsentieren ihr Projekt als Krisenversicherung, zehn Jahre nach dem Debakel von 2008 und der UBS-Rettung durch den Bund. Vollständig von der Zentralbank gedeckte Konten würden Bankpaniken verunmöglichen. Bundesrat, Parlament und SNB bekämpfen die Initiative entschieden als gefährlich, experimentell und als Bedrohung der Unabhängigkeit der Zentralbank.
Das Verdikt ist deutlich: Die Initiative wird von 75,7 Prozent der Stimmenden und von allen Kantonen verworfen, bei einer tiefen Beteiligung von rund 34 Prozent — ein Zeichen für die Komplexität des Themas.
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▲ Annehmende Kantone
Kein Kanton hat die Initiative angenommen.
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▼ Ablehnende Kantone
Alle 26 Kantone und Halbkantone. Die deutlichste Ablehnung in der Zentralschweiz (Obwalden, Nidwalden, Uri: über 80 Prozent Nein); Genf war mit rund 40 Prozent Ja der zustimmungsfreudigste Kanton.
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Akteure und Persönlichkeiten
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▲ Ja-Lager
• Verein Monetäre Modernisierung (MoMo) (Initiativkomitee)
• Heterodoxe Ökonomen und zivilgesellschaftliche Kreise
• Vereinzelte Unterstützung bei Grünen und SP (ohne Parteiparole)
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▼ Nein-Lager
• Bundesrat (Ueli Maurer, Vorsteher EFD)
• Thomas Jordan (Präsident der SNB)
• SVP, FDP, CVP, GLP, BDP und nahezu alle Parteien
• economiesuisse, Schweizerische Bankiervereinigung
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Argumente und Verdikte
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▲ Argumente DAFÜR (Ja-Lager)
Vollgeld beendet Bankpaniken « Mit Vollgeld wäre das Geld auf den Konten sicher, keine blossen Zahlungsversprechen der Banken mehr » — Argumentarium des Vereins MoMo, 2018 ✗ Argument widerlegt Die These liess sich nicht testen, da die Initiative verworfen wurde — doch das anvisierte Szenario trat ein: Im März 2023 brach die systemrelevante Credit Suisse infolge eines Einlagenabflusses zusammen, genau jene Panik, die die Initianten verhindern wollten. Der Status quo zeigte damit seine Verletzlichkeit. Quelle : SWI swissinfo, Die Volkswirtschaft (2023) Das heutige System privatisiert die Geldschöpfung « Die Geldschöpfung muss der Allgemeinheit zukommen, nicht den Privatbanken » — Initiativkomitee Vollgeld ✗ Argument widerlegt Verworfen, brachte die Initiative keinerlei Transfer der Geldschöpfungsmacht. Die Geschäftsbanken schaffen weiterhin den Grossteil des Buchgeldes über den Kredit; der institutionelle Rahmen blieb strikt unverändert. Quelle : SNB, admin.ch |
▼ Argumente DAGEGEN (Nein-Lager)
Die Initiative bedrohte die Unabhängigkeit der SNB « Die SNB geriete unter erhöhten politischen Druck, öffentliche Ausgaben zu finanzieren » — Thomas Jordan, SNB-Präsident, 2018 ✓ Argument bestätigt Theoretisch geblieben, aber stimmig: Indem der Text die SNB mit der «schuldfreien» Geldausgabe an den Staat betraut hätte, wäre die Zentralbank tatsächlich politischen Finanzierungswünschen ausgesetzt gewesen. Die gewahrte Unabhängigkeit der SNB blieb ein anerkannter Pfeiler der Schweizer Geldpolitik. Quelle : SNB, Bundesrat, Le Temps Kredit würde knapper und teurer « Durch die Beschränkung der Kreditmöglichkeiten müssten Banken auf teurere Finanzierungsquellen zurückgreifen » — Bundesrat, Abstimmungsbotschaft 2018 ✓~ Teilweise bestätigt Mangels Anwendung nicht direkt überprüfbar. Internationale Erfahrungen und akademische Analysen (KOF, IWF) bestätigten jedoch, dass ein Übergang zu Vollgeld den Kredit wohl verteuert und rationiert hätte. Das Argument bleibt plausibel, ohne voll belegbar zu sein. Quelle : KOF/ETH, IWF, economiesuisse Das heutige System ist solide und reformierbar « Die Reformen nach 2008 stärkten die Banken ohne monetäre Revolution » — Bankenkreise und Bundesrat, 2018 ✗~ Teilweise widerlegt Teilweise widerlegt: Der Fall der Credit Suisse 2023 offenbarte die Grenzen des «Too big to fail»-Regimes und erzwang eine staatliche Rettung — der Beweis, dass das System nicht so robust war wie dargestellt. Der Bund musste in Eile einen öffentlichen Liquiditätssicherungs-Mechanismus schaffen. Quelle : SIF, SWI swissinfo, SRF (2023) |
Faktische Bilanz
1 Bestätigt | 1 Teilw. bestätigt | 1 Teilw. widerlegt | 2 Widerlegt |
| ! | Der Status quo zeigte seine Schwächen Im März 2023 bestätigten der Zusammenbruch der Credit Suisse und ihre erzwungene Übernahme durch die UBS, dass eine Bankpanik weiterhin möglich war — genau das Risiko, das die Initianten beseitigen wollten. Da das vorgeschlagene Mittel jedoch nicht angewandt wurde, lässt sich nicht behaupten, es hätte sie verhindert. Quelle : SWI swissinfo, Die Volkswirtschaft (2023) |
| ~ | Eine verstärkte, nicht revolutionierte Regulierung Nach 2023 stattete der Bund die Schweiz mit einem öffentlichen Liquiditätssicherungs-Mechanismus für systemrelevante Banken aus und leitete eine Revision des «Too big to fail»-Regimes ein. Eine pragmatische Antwort, weit entfernt vom radikalen Umbau, den Vollgeld forderte. Quelle : SIF, Bundesrat (2023-2024) |
| ✓ | Die Unabhängigkeit der SNB gewahrt Mit der Ablehnung der Initiative bewahrte das Volk die Trennung zwischen Geldpolitik und Staatsfinanzierung. Die SNB behielt ihre Unabhängigkeit — ein Prinzip, das die Krise von 2023 nicht infrage stellte. Quelle : SNB, admin.ch |
Sieben Jahre danach scheint das Urnenverdikt klar, die Sachdebatte ist es nicht. Das Volk verwarf wuchtig das radikale Geldexperiment von Vollgeld als zu riskant und zu abstrakt. In diesem Punkt war die Ablehnung eindeutig, und die Unabhängigkeit der SNB — Kern der Befürchtungen des Nein-Lagers — blieb gewahrt.
Doch die Geschichte hielt für die Sieger eine Ironie bereit: Im März 2023 verlieh der Zusammenbruch der Credit Suisse dem Katastrophenszenario der Initianten brutale Aktualität. Die Bankpanik, die sie verunmöglichen wollten, trat ein und zwang den Staat zu einer Notrettung. Der 2018 verteidigte Status quo erwies sich als weniger solide als angekündigt.
Gleichwohl beweist nichts, dass Vollgeld diese Krise verhindert hätte, und ökonomische Analysen verweisen weiterhin auf seine wahrscheinlichen Nebenwirkungen beim Kredit. Die Diagnose der Initianten war treffender als ihr Heilmittel.
Die Debatte ist nicht verschwunden: Die Reform des «Too big to fail»-Regimes und die Regulierung systemrelevanter Banken bleiben auf der Bundesagenda. Vollgeld verlor die Abstimmung, stellte aber eine Frage, die die Realität letztlich wieder aufwarf.