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Refusée Fédéral Agriculture et alimentation 23 septembre 2018

Volksinitiative « Für gesunde sowie umweltfreundlich und fair hergestellte Lebensmittel » (Fair-Food)

Am 23. September 2018 stimmte das Schweizer Stimmvolk über die Volksinitiative « Für gesunde sowie umweltfreundlich und fair hergestellte Lebensmittel », die sogenannte Fair-Food-Initiative der Grünen, ab. Die Vorlage wollte einen Bundesauftrag in der Verfassung verankern, um das Angebot an…

Oui — 38.7% Non — 61.3%
Participation : 37.2%
L'enjeu de l'époque

Am 23. September 2018 stimmte das Schweizer Stimmvolk über die Volksinitiative « Für gesunde sowie umweltfreundlich und fair hergestellte Lebensmittel », die sogenannte Fair-Food-Initiative der Grünen, ab. Die Vorlage wollte einen Bundesauftrag in der Verfassung verankern, um das Angebot an nachhaltigen Lebensmitteln – umwelt-, tier- und arbeitsgerecht produziert – zu stärken, auch bei importierten Waren.

Die 2015 eingereichte Initiative reagierte auf eine wachsende Nachfrage nach Transparenz über Herkunft und Produktionsbedingungen der Nahrung. Sie sah vor, dass der Bund Anforderungen an Importe stellen und nachhaltige Produktionsketten fördern kann – eher über Anreize als über generelle Verbote.

Bundesrat und Parlament empfahlen die Ablehnung: Die Vorlage galt als überflüssig – das Landwirtschaftsgesetz und private Labels deckten das Wesentliche bereits ab – und als rechtlich heikel angesichts der internationalen Handelsverpflichtungen der Schweiz. Der Abstimmungskampf stellte eine ökologische Linke und Konsumentenorganisationen einer breiten Koalition aus Wirtschaft und Agrarrechten gegenüber.

Das Urteil der Urne war deutlich: 61,3 % Nein bei rund 37 % Beteiligung. Nur vier Westschweizer Kantone nahmen die Vorlage an.

Methodischer Hinweis : Diese Faktenkarte behandelt die Abstimmung sachlich und überparteilich. Die Verdikte betreffen ausschliesslich die überprüfbaren Kampagnenargumente – also jene, die sich mit den seit der Abstimmung beobachteten Fakten abgleichen lassen – und nicht den Urnengang selbst.
▲ Annehmende Kantone
Genf (63,9 %), Waadt (63,8 %), Jura (58,9 %), Neuenburg (57,1 %).
▼ Ablehnende Kantone
Die 22 übrigen Kantone. Unter den Westschweizern: Freiburg (51,3 % Nein) und Wallis (61,5 %). Am deutlichsten abgelehnt in Obwalden (79,6 %), Nidwalden (77,5 %) und Schwyz (77,4 %).

Akteure und Persönlichkeiten

▲ Ja-Lager
Die Grünen (Initiantenpartei)
Adèle Thorens und Maya Graf (Nationalrätinnen, Grüne)
Sozialdemokratische Partei (SP)
Konsumentenorganisationen (FRC/SKS)
Slow Food und Umwelt-NGO
▼ Nein-Lager
Bundesrat (Johann Schneider-Ammann, WBF)
SVP, FDP, CVP, BDP
economiesuisse
Schweizer Bauernverband (SBV)
Bemerkenswert : Die Bruchlinie war ebenso sprachlich wie politisch: Die vier zustimmenden Kantone sind alle welsch, was den wiederkehrenden « Röstigraben » bei Agrar- und Nachhaltigkeitsfragen verdeutlicht.

Argumente und Verdikte

▲ Argumente DAFÜR (Ja-Lager)
Das Angebot an nachhaltigen Lebensmitteln erweitern – im Inland und bei Importen
« Wir wollen, dass die Schweiz mehr unter ökologischen und fairen Bedingungen produzierte Lebensmittel anbietet. »
— Die Grünen, Abstimmungskampf (2018)
✓~ Teilweise bestätigt
Das nachhaltige Angebot ist seit 2018 tatsächlich gewachsen – jedoch getragen vom Markt und privaten Labels, nicht von einem Verfassungsauftrag. 2023 bedeckte der Biolandbau fast einen Fünftel der landwirtschaftlichen Nutzfläche; die Zahl der Biobetriebe stieg von 5 659 (2010) auf 7 896 (2023).
Source : BFS; JAM/Universität Neuenburg, Biolandbau
Importe an Nachhaltigkeitsanforderungen knüpfen
« Importierte Lebensmittel sollten vergleichbare soziale und ökologische Standards erfüllen wie unsere. »
— Initiativkomitee, 2018
✓~ Teilweise bestätigt
Das Anliegen fand ausserhalb der Initiative einen teilweisen Ausweg: Das Freihandelsabkommen EFTA–Indonesien, am 7. März 2021 angenommen, knüpfte erstmals Zollkonzessionen (Palmöl) an zertifizierte Nachhaltigkeitskriterien. Die Logik des Ja-Lagers wurde punktuell umgesetzt – ohne allgemeinen verbindlichen Rahmen.
Source : SECO; swissinfo.ch (2021)
▼ Argumente DAGEGEN (Nein-Lager)
Markt und Labels genügen, ohne staatlichen Zwang
« Die Initiative ist eine teure Bevormundung: Das nachhaltige Angebot entwickelt sich bereits ohne Diktat. »
— economiesuisse, Kampagne 2018
✓~ Teilweise bestätigt
Das Wachstum von Bio und fairen Labels seit 2018 bestätigt teilweise, dass der Markt das nachhaltige Angebot ohne den vorgeschlagenen Auftrag erweitert hat. Der Bio-Anteil stieg bis 2023 auf rund 20 % der Flächen.
Source : BFS; economiesuisse
Nachhaltigkeit im Handel ist mit unseren Abkommen unvereinbar
« Importbedingungen aufzuerlegen würde mit den WTO-Regeln und unseren Freihandelsabkommen kollidieren. »
— Bundesrat, Botschaft 2018
✗~ Teilweise widerlegt
Das Indonesien-Abkommen (2021) zeigte, dass Nachhaltigkeitskriterien in ein Handelsabkommen eingeführt werden können – eine Premiere für die Schweiz, als vereinbar mit ihren Verpflichtungen beurteilt. Die als unüberwindbar dargestellte Unvereinbarkeit erwies sich als weniger absolut.
Source : SECO; swissinfo.ch (2021)

Faktische Bilanz

0
Bestätigt
3
Teilw. bestätigt
1
Teilw. widerlegt
0
Widerlegt
~
Nachhaltigkeit, die wuchs – aber über den Markt
Die Ablehnung stoppte den Wandel nicht: Der Bio-Anteil erreichte 2023 rund 20 % der Nutzfläche, die Zahl der Biobetriebe wuchs seit 2010 um fast 40 %. Das Ziel der Initianten kam voran – ohne den geforderten staatlichen Hebel.
Source : BFS; JAM/Universität Neuenburg
Der Handel wurde grüner – ohne die Initiative
Das Abkommen EFTA–Indonesien (7. März 2021) knüpfte erstmals in einem Schweizer Abkommen Zollkonzessionen an zertifizierte Nachhaltigkeitskriterien für Palmöl – ein Zeichen, dass ein Teil der Nachfrage andere Wege fand.
Source : SECO; swissinfo.ch
~
Zwang abgelehnt, Debatte bleibt
Die Ablehnung reiht sich ein: Die Initiativen zu synthetischen Pestiziden und sauberem Trinkwasser wurden 2021 ebenfalls verworfen. Das Stimmvolk wies starke Agrarzwänge wiederholt ab, liess die gesellschaftliche Nachhaltigkeitsnachfrage aber anders zum Ausdruck kommen.
Source : BFS, Abstimmungen 2021
Analyse éditoriale
Conclusion

Die Ablehnung der Fair-Food-Initiative zeigt eine Konstante der Schweizer Agrarpolitik: ein echtes Bedürfnis nach Nachhaltigkeit, aber ein hartnäckiges Misstrauen gegenüber verfassungsmässigen Zwängen und neuen Importnormen.

Die späteren Fakten relativieren beide Lager. Das Ja-Lager sah seine Sache vorankommen – der Bio-Anteil wuchs weiter, und Nachhaltigkeit hielt Einzug in den Aussenhandel – aber über den Markt und gezielte Abkommen, nicht über den vorgeschlagenen Auftrag. Das Nein-Lager hatte teilweise recht mit der Marktfähigkeit, doch das Argument der Handelsunvereinbarkeit erwies sich als weniger absolut.

Im Kern entschied die Abstimmung weniger eine Wertefrage als eine Frage der Mittel: zwingen oder gewähren lassen? Die spätere Entwicklung zeigt einen Mittelweg – Anreize, Labels und punktuelle Nachhaltigkeitsklauseln – statt des umfassenden Rahmens der Initianten.