Im Frühjahr 2003 öffneten Grossverteiler (Coop und Migros) im Einkaufszentrum Crissier an einem Pfingstmontag — und legten eine Lücke offen: Weder das Waadtländer Gesetz noch die meisten Gemeindereglemente zählten diesen Tag zu den offiziellen Feiertagen. Das Verkaufspersonal arbeitete.
Als Reaktion lancierten Gewerkschaften und linke Parteien eine kantonale Volksinitiative, die den 2. Januar und den Pfingstmontag förmlich als bezahlte Feiertage im Kanton verankern wollte. Für die Initianten ging es um « zwei zusätzliche Sonntage » und den Schutz der Lebensqualität der Angestellten.
Am 17. Juni 2007 entschieden die Waadtländer. Die bürgerlichen Parteien und die Wirtschaftskreise fürchteten Umsatzeinbussen und eine Abwanderung der Kundschaft nach Freiburg oder Genf; die Linke betonte Ruhe und Familienleben. Das Verdikt der Urne fiel deutlich aus.
Gesamtergebnis Ja 74,1 % — Nein 25,9 % Stimmbeteiligung : 44,96 % | Tragweite Kantonale Initiative angenommen. Seit dem 1. Januar 2008 sind der 2. Januar und der Pfingstmontag im Kanton Waadt offizielle, bezahlte Feiertage. |
Akteure und Persönlichkeiten
▲ Ja-Lager • Gewerkschaften (UNIA, VPOD/SSP, SUD) — Schutz des Verkaufspersonals • SP Waadt und Grüne Waadt • PdA und Arbeitnehmerverbände | ▼ Nein-Lager • Bürgerliche Parteien (Radikale, Liberale, SVP) • Wirtschaftskreise und Detailhandelsverbände • Centre Patronal — für eine Lösung über die Sozialpartner |
Argumente und Bilanz
▲ Argumente DAFÜR (Ja-Lager) Das Verkaufspersonal schützen « Ohne gesetzlich verankerte Feiertage hält nichts die Geschäfte davon ab, am Pfingstmontag oder am 2. Januar zu öffnen und ihr Personal arbeiten zu lassen. » Fazit : ✓ Bestätigt Seit Inkrafttreten 2008 sind beide Tage im Kanton arbeitsfrei; die Geschäfte bleiben geschlossen. Die durch Crissier offengelegte Lücke wurde dauerhaft geschlossen. Quelle : Kanton Waadt (vd.ch), RTS Zwei zusätzliche, dauerhafte Ruhetage « Der ganzen Bevölkerung zwei zusätzliche Sonntage gönnen, unabhängig vom Goodwill der Branchen. » Fazit : ✓ Bestätigt Der 2. Januar und der Pfingstmontag gehören 2026 weiterhin zu den Waadtländer Feiertagen. Das Versprechen wurde gehalten und nie in Frage gestellt. Quelle : Kanton Waadt, kantonale Feiertage | ▼ Argumente DAGEGEN (Nein-Lager) Sache der Sozialpartner « Die Frage der Feiertage gehört an den Verhandlungstisch von Arbeitgebern und Gewerkschaften, nicht in ein vom Volk auferlegtes Gesetz. » Fazit : ✗~ Weitgehend widerlegt Das Stimmvolk entschied direkt und nachhaltig. Die gesetzliche Regelung erwies sich als einfach anwendbar und löste die befürchteten sozialen Konflikte nicht aus. Quelle : Le Temps, 24 heures Umsatzverlust und Einkaufstourismus « Geschlossene Waadtländer Geschäfte bedeuten zwei verlorene Umsatztage und treiben die Kundschaft nach Genf oder Freiburg. » Fazit : ✗~ Nicht belegt Keine Studie belegt eine messbare Abwanderung des Handels wegen dieser beiden Feiertage. Die befürchtete Verlagerung der Einkäufe ausserhalb des Kantons ist seit 2008 nicht dokumentiert. Quelle : 24 heures, RTS |
Faktische Bilanz
2 / 2 Eingelöste Ja-Versprechen | 2008 Inkrafttreten | 2026 Weiterhin in Kraft | 0 Belegte Nein-Befürchtungen |
Die beiden zentralen Versprechen des Ja-Lagers — die gesetzliche Lücke schliessen und zwei zusätzliche Ruhetage garantieren — wurden 2008 umgesetzt und gelten 2026 weiter. Die wirtschaftlichen Befürchtungen der Gegner (Umsatzeinbussen, Einkaufstourismus) sind durch keine öffentlichen Daten gestützt.
Die Initiative von 2007 gehört zur seltenen Kategorie sozialer Vorlagen, deren Wirkung sowohl sichtbar als auch unbestritten ist. Mit der gesetzlichen Verankerung zweier Feiertage entschied der Kanton eine Frage, die die Sozialpartner nicht hatten lösen können.
Fast zwanzig Jahre später gab es keinen einzigen Aufhebungsversuch. Die gegen die Initiative ins Feld geführten Wirtschaftsargumente — Umsatzverlust, Kundenabwanderung — wurden nie durch Zahlen belegt.
Das deutliche Ergebnis (74,1 %) zeigt, dass der Schutz der Freizeit des Verkaufspersonals damals über das Links-Rechts-Schema hinaus breiten Konsens fand.