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Refusée Fédéral Sécurité, défense et justice 06 juin 1993

Volksinitiative «für eine Schweiz ohne neue Kampfflugzeuge» (F/A-18)

Am 6. Juni 1993, sechs Monate nach dem Nein zum Europäischen Wirtschaftsraum, stimmt die Schweiz über eine Vorlage ab, die ihr Selbstverständnis berührt: Soll auf den Kauf neuer Kampfflugzeuge verzichtet werden? Die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA), beflügelt…

Oui — 42.81% Non — 57.2%
Participation : 55.58%
L'enjeu de l'époque

Am 6. Juni 1993, sechs Monate nach dem Nein zum Europäischen Wirtschaftsraum, stimmt die Schweiz über eine Vorlage ab, die ihr Selbstverständnis berührt: Soll auf den Kauf neuer Kampfflugzeuge verzichtet werden? Die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA), beflügelt vom überraschenden Ergebnis ihrer Abschaffungsinitiative von 1989, bekämpft den Parlamentsentscheid, 34 F/A-18 Hornet für rund 3,5 Milliarden Franken zu beschaffen.

Der Kontext ist jener nach dem Kalten Krieg. Die Berliner Mauer ist gefallen, der Ostblock zerfallen, und die Armee beginnt mit der Reform «Armee 95», die die Bestände verkleinert und die Doktrin der «Rundumverteidigung» aufgibt. In diesem Klima hält die GSoA den Kauf für zu teuer — bei rund 150 000 Arbeitslosen — und strategisch überholt.

Die Unterschriftensammlung bricht einen Rekord: 181 707 Unterschriften in 34 Tagen. Bundesrat und Parlament empfehlen dagegen die Ablehnung: Ohne Erneuerung der Flotte vor Ende des Jahrzehnts könne die Schweiz weder ihren Luftraum überwachen noch die Glaubwürdigkeit der bewaffneten Neutralität wahren.

Das Urnenverdikt ist klar: Die Initiative wird mit 57,2 % der Stimmen und 19 von 23 Standesstimmen abgelehnt. Der Kauf der F/A-18 ist besiegelt. Drei Jahrzehnte später stellt sich die Frage, wer recht behielt: das kaufende Volk oder die Initianten.

Methodischer Hinweis: Diese Vorlage wird faktisch und überparteilich behandelt. Die Verdikte beziehen sich ausschliesslich auf die überprüfbaren Kampagnenargumente — also auf jene, die sich an den seit der Abstimmung beobachteten Fakten messen lassen — und nicht auf das Abstimmungsergebnis selbst.
▲ Annehmende Kantone
Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Genf, Jura, Tessin (5 Kantone — Initiative lokal angenommen)
▼ Ablehnende Kantone
Zürich, Bern, Luzern, Uri, Schwyz, Obwalden, Nidwalden, Glarus, Zug, Freiburg, Solothurn, Schaffhausen, Appenzell A.Rh., Appenzell I.Rh., St. Gallen, Graubünden, Aargau, Waadt, Wallis, Neuenburg

Akteure und Persönlichkeiten

▲ Ja-Lager
GSoA (Gruppe für eine Schweiz ohne Armee, Initianten)
Sozialdemokratische Partei (SP)
Grüne , Partei der Arbeit (PdA), Landesring der Unabhängigen
Lega dei Ticinesi und Schweizerischer Gewerkschaftsbund (SGB)
▼ Nein-Lager
Bundesrat und Kaspar Villiger (Chef EMD)
Parlament (Nationalrat 117 dagegen, Ständerat 42 dagegen)
CVP, FDP, SVP, LPS, EVP, EDU
Vorort (Wirtschaft) und Gewerbeverband
Bemerkenswert : Selten unterstützten nur fünf Kantone — alle städtisch oder grenznah (Genf, beide Basel, Jura, Tessin) — die Initiative, was den Graben zwischen antimilitaristischen Zentren und der armeefreundlichen ländlichen Schweiz zeigt.

Argumente und Verdikte

▲ Argumente DAFÜR (Ja-Lager)
Ein zu teurer Kauf mitten in der Rezession
« 3,5 Milliarden für Flugzeuge, während 150 000 Menschen arbeitslos sind: Dieses Geld wäre anderswo nützlicher. »
— Argumentarium der GSoA, 1993
✗~ Teilweise widerlegt
Die F/A-18 kosteten tatsächlich rund 3,5 Milliarden, bildeten aber während fast dreissig Jahren das Rückgrat des Luftpolizeidienstes. Statt «verschwendet» zu sein, wurde die Investition voll genutzt — und die Schweiz beschloss 2021, sie mit 36 F-35A für über 6 Milliarden zu erneuern, ein Zeichen, dass die Luftrüstungsausgaben nie dauerhaft in Frage standen.
Quelle : swissvotes.ch; SRF, 30.06.2021
Das Ende des Kalten Krieges macht diese Flugzeuge überflüssig
« Mit dem Zerfall des Ostblocks ist die Bedrohung verschwunden; diese Jets sind ein Luxus aus einer anderen Zeit. »
— Initiativkomitee, 1993
✗ Argument widerlegt
Die Luftpolizeieinsätze wurden im Gegenteil fortgesetzt und intensiviert (WEF-Gipfel, Luftraumsicherung, Interventionen). Die Schweiz hielt eine einsatzfähige Kampffliegerei aufrecht und entschied 2021, in eine Flotte der neuen Generation zu investieren. Die Vorstellung einer überflüssig gewordenen Luftverteidigung bestätigte sich nicht.
Quelle : armasuisse, Air2030; VBS
▼ Argumente DAGEGEN (Nein-Lager)
Die Erneuerung der Flotte vor 1999 ist unerlässlich
« Ohne neue Maschinen kann die Schweiz ihren Luftraum ab Ende des Jahrzehnts nicht mehr verteidigen. »
— Bundesrat, Botschaft 1992
✓ Argument bestätigt
Die 34 F/A-18 wurden zwischen 1996 und 1999 geliefert und ersetzten die Hawker Hunter von 1958. Sie sicherten ununterbrochen den Luftpolizeidienst bis in die frühen 2030er-Jahre, wenn sie von den F-35A abgelöst werden. Der angekündigte Zeitplan bestätigte sich.
Quelle : swissvotes.ch; admin.ch
Die alten Maschinen sind veraltet
« Die Hunter stammen von 1958; sie im Dienst zu halten wäre unverantwortlich. »
— EMD, Kaspar Villiger, 1993
✓ Argument bestätigt
Die alternden Hawker Hunter und Tiger F-5 konnten keine glaubwürdige Verteidigung mehr gewährleisten. Die moderne Mehrzweck-F/A-18 schloss diese Fähigkeitslücke während dreier Jahrzehnte und bestätigte die Veralterungsdiagnose.
Quelle : VBS; Historisches Lexikon der Schweiz

Faktische Bilanz

2
Bestätigt
0
Teilw. bestätigt
1
Teilw. widerlegt
1
Widerlegt
Eine Flotte, die drei Jahrzehnte hielt
Die ab 1996 gelieferten F/A-18 dienten weit über ihre ursprüngliche Erwartung hinaus und werden um 2030 von den F-35A abgelöst. Das zentrale Argument des Bundesrats — die Notwendigkeit der Erneuerung — bestätigte sich.
Quelle : armasuisse; admin.ch
~
Die Kostendebatte ist nie verstummt
Nach den 3,5 Milliarden von 1993 entfachte die Rechnung der F-35A (über 6 Milliarden, 2021 beschlossen) genau die Kontroverse über den Preis der Luftmacht neu. Die finanzielle Kritik der GSoA verschwand nie, überzeugte aber nie eine Mehrheit.
Quelle : SRF, 30.06.2021
!
Die Wette auf das «Ende der Bedrohungen» widerlegt
Die Idee, der Zerfall des Ostblocks mache die Kampffliegerei überflüssig, bestätigte sich nicht: Die Schweiz erhielt und erneuerte ihre Fähigkeiten, die Luftraumsicherung blieb eine Daueraufgabe.
Quelle : VBS, Air2030
Analyse éditoriale
Conclusion

Dreissig Jahre später liest sich der Urnengang vom 6. Juni 1993 als eine von den Fakten bestätigte Niederlage der Initianten und ein Sieg des Regierungslagers. Die F/A-18 erfüllten ihren Auftrag über die Prognosen hinaus, und der Entscheid von 2021 zugunsten der F-35A zeigt, dass die Schweiz nie auf eine moderne Kampffliegerei verzichtete.

Die Kritik der GSoA war dennoch nicht absurd: Die Kosten blieben erheblich, und die Frage nach dem Preis der Luftverteidigung ist weiterhin aktuell. Das zentrale Argument der Initianten — die strategische Nutzlosigkeit der Jets nach dem Kalten Krieg — wurde jedoch durch die anhaltenden Luftpolizeieinsätze klar widerlegt.

Die Abstimmung zeigt eine helvetische Konstante: eine antimilitaristische Strömung, die über 40 % der Wählerschaft mobilisieren kann, gegenüber einer Mehrheit, die an einer glaubwürdigen Verteidigung festhält. Diese strukturierende Spannung kehrt bei jedem Rüstungskauf wieder, bis zur Debatte über die F-35.