Accueil / Fédéral / Bundesbeschluss über die Finanzordnung (Einführung der Mehrwertsteuer)
Acceptée Fédéral Économie, travail et fiscalité 28 novembre 1993

Bundesbeschluss über die Finanzordnung (Einführung der Mehrwertsteuer)

Am 28. November 1993 stimmt die Schweiz über eine ebenso technische wie wegweisende Reform ab: Die alte Warenumsatzsteuer (WUST) aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs soll durch eine Mehrwertsteuer (MWST) nach europäischem Vorbild ersetzt werden. Es ist der vierte Anlauf…

Oui — 66.66% Non — 33.3%
Participation : 45.41%
L'enjeu de l'époque

Am 28. November 1993 stimmt die Schweiz über eine ebenso technische wie wegweisende Reform ab: Die alte Warenumsatzsteuer (WUST) aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs soll durch eine Mehrwertsteuer (MWST) nach europäischem Vorbild ersetzt werden. Es ist der vierte Anlauf — 1977, 1979 und 1991 hatte das Volk die Idee verworfen.

Der Kontext ist jener eines orientierungssuchenden Landes, ein Jahr nach dem Nein zum Europäischen Wirtschaftsraum. Die Bundesfinanzen stehen unter Druck, die WUST — die nur Waren, nicht Dienstleistungen erfasst — gilt als überholt und wenig kompatibel mit dem europäischen Binnenmarkt. Der Beschluss über die Finanzordnung sieht die Einführung der MWST per 1. Januar 1995 zum Anfangssatz von 6,5 % vor.

Diesmal trägt eine breite Front die Reform: Bundesrat, fast alle Regierungsparteien (CVP, FDP, SP, SVP), Wirtschaft und Gewerkschaften. Dagegen steht eine bunt gemischte Opposition aus Auto-Partei, Lega, Partei der Arbeit und Schweizer Demokraten, die einen neuen, endlos steigenden Steuersatz anprangern.

Das Verdikt ist deutlich: 66,66 % Ja und 22 von 23 Standesstimmen, einzig das Wallis lehnt ab. Die MWST tritt 1995 in Kraft. Drei Jahrzehnte später ist sie zu einer der wichtigsten Bundeseinnahmen geworden — und wurde tatsächlich mehrfach erhöht.

Methodischer Hinweis: Diese Vorlage wird faktisch und überparteilich behandelt. Die Verdikte beziehen sich ausschliesslich auf die überprüfbaren Kampagnenargumente — also auf jene, die sich an den seit der Abstimmung beobachteten Fakten messen lassen — und nicht auf das Abstimmungsergebnis selbst.
▲ Annehmende Kantone
Zürich, Bern, Luzern, Uri, Schwyz, Obwalden, Nidwalden, Glarus, Zug, Freiburg, Solothurn, Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Schaffhausen, Appenzell A.Rh., Appenzell I.Rh., St. Gallen, Graubünden, Aargau, Thurgau, Tessin, Waadt, Neuenburg, Genf, Jura (22 von 23 Kantonen)
▼ Ablehnende Kantone
Wallis (einziger ablehnender Kanton)

Akteure und Persönlichkeiten

▲ Ja-Lager
Bundesrat (für die Reform)
Parlament (Nationalrat 98 dafür, Ständerat 38 dafür)
CVP, FDP, SP, SVP , LPS, EVP, EDU, LdU
Schweizerischer Gewerkschaftsbund , Vorort und Wirtschaft
▼ Nein-Lager
Auto-Partei (Freiheits-Partei)
Lega dei Ticinesi
Partei der Arbeit (PdA) und Schweizer Demokraten
Wirteverband ; die Grünen geben Stimmfreigabe
Bemerkenswert : Nach drei Niederlagen (1977, 1979, 1991) bringt eine aussergewöhnlich breite Front — von der gewerkschaftlichen Linken über die Wirtschaft bis zur SVP — die MWST endlich durch. Einzig das Wallis, seiner Tourismusfiskalität verbunden, sagt Nein.

Argumente und Verdikte

▲ Argumente DAFÜR (Ja-Lager)
Eine überholte Steuer modernisieren, europakompatibel
« Die WUST besteuert nur Waren, ignoriert Dienstleistungen und isoliert uns von unseren Nachbarn: Die MWST ist die Norm in Europa. »
— Komitee «Ja zur MWST», 1993
✓ Argument bestätigt
Am 1. Januar 1995 zum Satz von 6,5 % eingeführt, ersetzte die MWST die WUST und übernahm das europäische Modell (Besteuerung von Waren und Dienstleistungen, Vorsteuerabzug). Sie ist heute eine der wichtigsten Bundeseinnahmen und bringt über 25 Milliarden Franken pro Jahr ein.
Quelle : ESTV; BFS
Eine einfache und transparente Steuer
« Die MWST bringt Klarheit und Einfachheit ins Schweizer Steuersystem. »
— Befürworter der Reform, 1993
✗~ Teilweise widerlegt
Die MWST modernisierte das System, wurde aber rasch für ihre Komplexität bekannt: drei verschiedene Sätze (Normal-, reduzierter und Sondersatz Beherbergung) und zahlreiche Ausnahmen nährten dreissig Jahre wiederkehrender Debatten über ihre Vereinfachung.
Quelle : ESTV, Berichte zur MWST-Vereinfachung
▼ Argumente DAGEGEN (Nein-Lager)
Einmal eingeführt, wird die MWST endlos steigen
« Diese neue Steuer wird zur Erhöhungsmaschine: heute 6,5 %, morgen deutlich mehr. »
— Freiheits-Partei / Lega, 1993
✓~ Teilweise bestätigt
Der Satz wurde tatsächlich sechsmal erhöht: 6,5 % (1995), 7,5 % (1999, AHV/IV), 7,6 % (2001, NEAT-Finanzierung), 8,0 % (2011, IV), 7,7 % (2018), dann 8,1 % (2024, AHV). Der Aufwärtstrend bestätigte sich — doch die Schweiz hat weiterhin den tiefsten Normalsatz Europas, weit entfernt von der befürchteten «Explosion».
Quelle : ESTV, Entwicklung der MWST-Sätze
Eine regressive Steuer, die einkommensschwache Haushalte trifft
« Die MWST belastet den Konsum aller gleich, unabhängig vom Einkommen. »
— Partei der Arbeit, 1993
✓~ Teilweise bestätigt
Die MWST ist naturgemäss eine regressive Steuer, die tiefere Einkommen proportional stärker belastet. Der Befund bleibt gültig — ein reduzierter Satz (2,5 %) auf Lebensmittel, Medikamente und Güter des täglichen Bedarfs mildert jedoch die ungerechteste Wirkung.
Quelle : ESTV; BFS

Faktische Bilanz

1
Bestätigt
2
Teilw. bestätigt
1
Teilw. widerlegt
0
Widerlegt
Die MWST, Pfeiler der Bundesfinanzen
Drei Jahrzehnte nach ihrer Einführung bringt die MWST über 25 Milliarden Franken pro Jahr und gehört zu den beiden wichtigsten Bundeseinnahmen. Das zentrale Argument des Ja-Lagers — die dauerhafte Sicherung der Bundesfinanzen — bestätigte sich voll.
Quelle : ESTV; BFS
~
Ein stetiger Anstieg, wie die Gegner befürchteten
Von 6,5 % (1995) auf 8,1 % (2024) wurde der Satz sechsmal erhöht, meist zur Finanzierung von AHV, IV oder NEAT. Die Befürchtung des Nein-Lagers einer steigenden Steuer erfüllte sich teilweise, auch wenn die Schweiz den moderatesten Satz des Kontinents behält.
Quelle : ESTV
~
Eine komplex gewordene Steuer
Als einfach versprochen, erwies sich die MWST als hochtechnisch: drei Sätze, zahlreiche Ausnahmen und berühmte Grenzfälle nährten eine bis heute andauernde Debatte über ihre Vereinfachung.
Quelle : ESTV
Analyse éditoriale
Conclusion

Im Rückblick erscheint die Abstimmung vom 28. November 1993 als eine erfolgreiche Grundlagenreform. Die MWST modernisierte eine aus dem Krieg stammende Fiskalität, richtete sich am europäischen Standard aus und wurde zu einer Säule der Bundeseinnahmen. Der Grossteil der Versprechen des Ja-Lagers verwirklichte sich.

Die Gegner hatten dennoch nicht ganz unrecht. Ihre Hauptprognose — ein steigender Satz — bestätigte sich sechsmal in dreissig Jahren. Doch der Anstieg blieb im europäischen Vergleich moderat, und die befürchtete «Steuermaschine» explodierte nicht. Der regressive Charakter der Steuer bleibt eine Realität, die reduzierte Sätze nur teilweise korrigieren.

Ein blinder Fleck beider Lager: Niemand ahnte, dass diese «einfache» MWST zu einer der technischsten Steuern des Landes würde, Gegenstand einer permanenten Vereinfachungsbaustelle. Dreissig Jahre später ist die MWST fest etabliert — und ebenso fest umstritten.