Am 27. September 2020 nimmt das Schweizer Stimmvolk mit 60,3% der Stimmen eine Änderung des Erwerbsersatzgesetzes (EOG) an, die einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub einführt. Die Schweiz gehörte damals zu den letzten Ländern Europas ohne gesetzlichen Vaterschaftsurlaub: Väter erhielten in der Regel bloss den einen Tag, der für ein « Familienereignis » gewährt wurde.
Die Vorlage ist das Ergebnis eines langen Tauziehens. 2017 reichten der Dachverband Travail.Suisse und der Verein « Vaterschaftsurlaub jetzt ! » eine Volksinitiative für vier Wochen ein. Das Parlament stellte ihr einen bescheideneren indirekten Gegenvorschlag gegenüber — zwei Wochen bzw. zehn Tage, zu beziehen innert sechs Monaten nach der Geburt. Die Initiative wurde zurückgezogen, doch ein Komitee aus SVP-Vertretern, Jungfreisinnigen und Wirtschaftskreisen ergriff das Referendum gegen diesen als zu teuer eingestuften Gegenvorschlag.
Es ging um mehr als nur die Väter: um die Modernisierung der Familienpolitik, um die Gleichstellung von Frau und Mann und um die finanzielle Belastung der Wirtschaft. Finanziert wird der Urlaub über die Erwerbsersatzordnung (EO), deren Beitragssatz von 0,45% auf 0,5% des Lohns steigt.
Am 27. September 2020 setzt sich das Ja mit 60,3% der Stimmen klar durch, bei einer Stimmbeteiligung von 59,36%. Die Zustimmung ist in der Romandie und der lateinischen Schweiz massiv; die Ablehnung konzentriert sich auf die ländliche Zentral- und Ostschweiz.
▲ Annehmende Kantone Genf (79,4%), Jura, Neuenburg, Freiburg, Waadt, Wallis, Bern (56,9%), Tessin (67,3%), Zürich, Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Aargau, Luzern, Solothurn, Schaffhausen, Graubünden und Zug — 16 Kantone (auf Basis der Volksstimmen). | ▼ Ablehnende Kantone Uri, Schwyz, Obwalden, Nidwalden, Glarus, Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden, St. Gallen und Thurgau — die ländliche Zentral- und Ostschweiz. |
Akteure und Persönlichkeiten
▲ Ja-Lager • Travail.Suisse (Initiant des Kompromisses mit « Vaterschaftsurlaub jetzt ! ») • SP, Grüne, Grünliberale (klare Unterstützung) • Die Mitte / CVP (mehrheitlich dafür) • Gewerkschaften (SGB, Travail.Suisse) • Der Bundesrat und die Parlamentsmehrheit (empfehlen ein Ja) | ▼ Nein-Lager • Referendumskomitee (angeführt von SVP-Vertretern, darunter Christoph Blocher, und rund einem Dutzend Nationalräten) • Jungfreisinnige (gegen einen staatlich verordneten Urlaub) • Arbeitgeber- und KMU-Kreise (Angst vor Zusatzkosten) • Teile der FDP (gespalten) |
Argumente und Verdikte
▲ Argumente DAFÜR (Ja-Lager) Die Väter werden den Urlaub nutzen « Der Vaterschaftsurlaub ist ein wichtiger Schritt zu einer modernen Familienpolitik. » — Travail.Suisse, Kampagne 2020 ✓ Argument bestätigt Bereits im 1. Quartal 2021 wurde bei rund 70% der Geburten eine Vaterschaftsentschädigung ausbezahlt. Die Leistung wurde sofort und breit von den betroffenen Vätern in Anspruch genommen. Für die 2023 geborenen Kinder bezogen 77 % der anspruchsberechtigten Väter den Urlaub, gegenüber 95 % der Mütter beim Mutterschaftsurlaub. Quelle: Bundesamt für Statistik / CHSS (Soziale Sicherheit), 2021-2022. ; BSV, Soziale Sicherheit CHSS Bescheidene und finanzierbare Kosten « Zwei Wochen sind eine vernünftige Last, die von der EO vollständig getragen werden kann. » — Komitee « Ja zum Vaterschaftsurlaub », 2020 ✓ Argument bestätigt Die Finanzierung beruhte auf einer moderaten Erhöhung des EO-Beitrags (0,45% auf 0,5%). 2021 zahlte das System Vaterschaftsentschädigungen in der Grössenordnung von 150 Millionen Franken aus — weniger als die teils befürchteten 230 Millionen. Quelle: BSV / EO, Rechnung 2021. | ▼ Argumente DAGEGEN (Nein-Lager) Eine Rechnung nahe an einer Milliarde « Dieser Urlaub kostet 230 Millionen direkte Kosten, dazu kommen bis zu 900 Millionen indirekte Kosten in den Unternehmen. » — Referendumskomitee, 2020 ✗~ Teilweise widerlegt Die direkten Kosten lagen im Rahmen — oder sogar unter — den Schätzungen des Bundesrats (rund 150 bis 230 Millionen). Die « 900 Millionen » indirekter Unternehmenskosten waren hingegen eine Wahlkampfprojektion, die nie belegt wurde. Quelle: BSV / EO, Rechnung 2021; Schätzungen des Bundesrats. Nur ein erster Schritt zu immer mehr « Heute zwei Wochen, morgen verlangt man einen ausgebauten Elternurlaub. » — SVP-Gegner, 2020 ✓~ Teilweise bestätigt Die Debatte über einen Ausbau ist tatsächlich nicht verstummt: Parlamentarische Vorstösse und kantonale Initiativen (etwa der Genfer Elternurlaub) haben das Thema nach 2020 neu lanciert. Auf Bundesebene wurde jedoch bis heute kein Ausbau beschlossen. Der nächste Schritt ist lanciert: Die eidgenössische Volksinitiative «Familienzeit» (18 Wochen pro Elternteil) wurde am 30. September 2026 mit 112 517 gültigen Unterschriften eingereicht, und das Parlament gewährte 2026 der Genfer Elternzeit von 24 Wochen eine teilweise Gewährleistung. Quelle: Eidgenössisches Parlament; kantonale Abstimmungen 2023-2024. ; Keystone-SDA / SRF (30. September 2026); RTS (2026) |
Affiches de campagne (3)
Faktische Bilanz
2 Bestätigt | 1 Teilw. bestätigt | 1 Teilw. widerlegt | 0 Widerlegt |
| ✓ | Eine Leistung, die zur Selbstverständlichkeit wurde Der Vaterschaftsurlaub trat am 1. Januar 2021 in Kraft. Schon im ersten Jahr nahmen ihn rund 70% der betroffenen Väter in Anspruch — ein Zeichen rascher und breiter Akzeptanz. Quelle: BFS / CHSS, 2021-2022. |
| ✓ | Kontrollierte Kosten Die Finanzierung über die EO (Beitrag auf 0,5% erhöht) hielt, was sie versprach: Die Ausgaben blieben im angekündigten Rahmen, ohne das System zu gefährden. Quelle: BSV / EO, Rechnung 2021. |
| ~ | Die Debatte über den Elternurlaub neu lanciert Wie die Gegner vorhersahen, blieb es nicht bei zwei Wochen: kantonale Ausbauten und parlamentarische Vorstösse folgten — ohne dass es bislang zu einem eidgenössischen Elternurlaub gekommen wäre. Quelle: Eidg. Parlament; Kantone, 2021-2024. |
Aktualisierung 10/2026: Bezugsquote (77 % der Väter bei Geburten 2023), Einreichung der Initiative «Familienzeit» am 30. September 2026 und teilweise Gewährleistung der Genfer Elternzeit ergänzt.
Die Abstimmung vom 27. September 2020 markiert den späten, aber klaren Eintritt der Schweiz in den Kreis der Länder mit gesetzlichem Vaterschaftsurlaub. Der parlamentarische Kompromiss von zwei Wochen — bescheidener als die ursprünglich geforderten vier — fand eine komfortable Mehrheit dort, wo eine Maximalvariante hätte scheitern können.
Im Rückblick halten die Argumente des Ja-Lagers der Faktenprüfung gut stand: Die Leistung wurde breit genutzt und die Kosten blieben kontrolliert. Die alarmistischen Zahlen des Nein-Lagers — namentlich die Rechnung nahe an einer Milliarde — fanden in den öffentlichen Rechnungen keine Bestätigung.
Die einzige Prognose der Gegner, die sich teilweise bewahrheitet, ist jene vom « ersten Schritt »: Das Thema Elternurlaub blieb auf der politischen Agenda. Auf Bundesebene wurde jedoch kein Ausbau beschlossen, und die Schweiz bleibt im europäischen Vergleich auf diesem Feld eher zurückhaltend.