Am 10. Juni 2018 entschied das Wallis über eine Frage, die weit über die Kantonsgrenzen hinausreichte: Sollten 100 Millionen Franken Kantonsgeld für die Olympischen Winterspiele «Sion 2026» gesprochen werden? Hinter diesem Kredit stand ein Gesamtbudget von rund 994 Millionen, davon fast eine Milliarde Bundesbeiträge.
Es war nicht der erste olympische Anlauf des Kantons: Sion hatte sich bereits 1976, 2002 und 2006 erfolglos beworben. Diesmal trug Swiss Olympic die Kandidatur, und der Staatsrat warb für «nachhaltige» Spiele auf bestehenden Anlagen und zu geringeren Kosten.
Doch die Idee stiess auf wachsendes Misstrauen gegenüber dem olympischen Gigantismus und seinen Kostenexplosionen. Ein Referendum brachte den Kantonskredit vors Volk. Bei einem Nein fiel die ganze Kandidatur — was dann auch geschah.
▲ Das Ja — 46,02 % Der Kredit fand 61 019 Stimmen (46,02 %). Einzig das Oberwallis sagte knapp Ja (rund 51 %). | ▼ Das Nein siegt — 53,98 % 71 579 Nein-Stimmen (53,98 %), bei einer Beteiligung von 62,6 %. Das Unterwallis lehnte zu 58 % ab, das Mittelwallis zu 53,7 %; die Stadt Sion selbst sagte zu fast 61 % Nein. |
Die Akteure der Kampagne
▲ Ja-Lager • Der Walliser Staatsrat (in corpore) • Christophe Darbellay (CVP, Vorsteher des Volkswirtschafts- und Bildungsdepartements) • Das Komitee «Sion 2026» und Swiss Olympic • Tourismus und Bergbahnen | ▼ Nein-Lager • Der WWF Wallis (Laura Schmid, WWF Oberwallis) • Die Grünen (Brigitte Wolf, Präsidentin der Oberwalliser Grünen) • Bürgerkomitees gegen die Spiele • Teile der Linken und der Umweltkreise |
Argumente und Fazite
▲ Argumente DAFÜR (Ja-Lager) «Nachhaltige» und kontrollierte Spiele « Spiele mit menschlichem Mass, auf bestehenden Anlagen. » Fazit: ✗~ Die Sparsamkeitswette hält den Fakten nicht stand. Als sparsam verkauft, stiegen die Mailand-Cortina zugesprochenen Spiele 2026 im Organisationsbudget von rund 1,4 auf 1,7 Milliarden Euro; die Gesamtkosten — samt Infrastruktur — werden auf 5,7 bis 5,9 Milliarden geschätzt. Das Versprechen «kontrollierter» Spiele erwies sich überall als brüchig. Quelle: S&P Global Ratings; nss magazine, 2026 Eine Milliarde Investitionen für den Kanton « Das Wallis lässt eine historische Bundeshilfe verstreichen. » Fazit: ✓~ Der Kanton verzichtete tatsächlich auf den Bundeskredit, ohne Katastrophe. Nach dem Walliser Nein begrub der Ständerat im September 2018 den Bundeskredit von rund 994 Millionen. Das Wallis verzichtete auf dieses Geld — doch kein wirtschaftlicher Einbruch folgte, und der Kanton blieb von möglichen Mehrkosten verschont. Quelle: Le Nouvelliste, Sept. 2018; Ständerat | ▼ Argumente DAGEGEN (Nein-Lager) Unterschätztes Budget, Defizite für die Steuerzahler « Unterschätzte Finanzierung, schlecht geschnürtes Projekt. » Fazit: ✓ Durch Mailand-Cortina bestätigt. Das Kernargument der Gegner. Die Organisation von Mailand-Cortina häufte Mehrkosten und ein Defizit an, letzteres auf 130 bis 310 Millionen Euro zulasten der öffentlichen Hand geschätzt, teils wegen Bauverzögerungen. Das im Wallis befürchtete Szenario trat in Italien ein. Quelle: Le Temps, 2018; The Sports Examiner, 2026 Gigantismus und Eingriffe in die Alpenlandschaft « Der Gigantismus verschandelt die Landschaft und hinterlässt überdimensionierte Anlagen. » Fazit: ✗~ Anderswo bestätigt, fürs Wallis aber kontrafaktisch. Der WWF beklagte masslose Anlagen und einen Eingriff in den Alpenraum. Mailand-Cortina löste vergleichbare Kritik aus. Für das Wallis bleibt der vermiedene Schaden naturgemäss hypothetisch. Quelle: WWF Wallis; The Traveler, 2026 |
Die faktische Bilanz
53,98 % Nein zum Kantonskredit | ≈ 994 Mio begrabener Bundeskredit (CHF) | Mailand-Cortina Gastgeber der Spiele 2026 | ≈ 5,7 Mrd € geschätzte Kosten (S&P) |
Auf dem Papier versprach das Ja-Lager vernünftige Spiele; das Nein-Lager sagte eine entgleisende Rechnung voraus. Acht Jahre später dient die Erfahrung von Mailand-Cortina als Massstab — und sie gibt den Skeptikern weitgehend recht.
Der als verpasste Chance dargestellte Milliardenkredit des Bundes blieb in der Bundeskasse. Das Wallis erlebte nicht die von einigen Befürwortern beschworene Rezession; vor allem entging es den Mehrkosten, die heute die olympischen Konten jenseits der Alpen belasten.
Bleibt das Unwägbare — Image, Stolz, Aufbruch. Das ist nicht überprüfbar. Was die Zahlen sagen: Die Wette auf olympische Sparsamkeit hielt nirgends, wo sie seither eingegangen wurde.