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Refusée Fédéral Économie, travail et fiscalité Environnement, climat et énergie 22 septembre 2002

Elektrizitätsmarktgesetz (EMG)

Am 22. September 2002 stimmt die Schweiz über das Elektrizitätsmarktgesetz (EMG) ab, das das Parlament im Dezember 2000 verabschiedet hatte. Die Vorlage will den Schweizer Strommarkt binnen sechs Jahren schrittweise dem Wettbewerb öffnen, im Sog der Liberalisierung in der Europäischen…

Oui — 47.42% Non — 52.6%
Participation : 44.8%
L'enjeu de l'époque

Am 22. September 2002 stimmt die Schweiz über das Elektrizitätsmarktgesetz (EMG) ab, das das Parlament im Dezember 2000 verabschiedet hatte. Die Vorlage will den Schweizer Strommarkt binnen sechs Jahren schrittweise dem Wettbewerb öffnen, im Sog der Liberalisierung in der Europäischen Union.

Ein fakultatives Referendum wird vom Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD), den Jungsozialisten und der Westschweizer Linken ergriffen, die 67 575 Unterschriften sammeln. Die Frontstellung ist klar: Liberalisierung gegen Verteidigung des Service public.

Der Bundesrat, nahezu alle bürgerlichen Parteien und die Wirtschaftskreise unterstützen die Öffnung; SP, Grüne und Gewerkschaften bekämpfen sie und fürchten einen Abbau des Service public sowie Preisaufschläge für Kleinkunden.

Das Ergebnis ist eine knappe Ablehnung: nur 47,42 % Ja, bei einer Beteiligung von 44,8 %. Das Gesetz ist begraben — doch die Öffnung kehrt fünf Jahre später in anderer Form zurück.

Methodischer Hinweis: Diese Analyse behandelt die Abstimmung sachlich und überparteilich. Die Verdikte beziehen sich ausschliesslich auf die überprüfbaren Wahlkampfargumente — also jene, die sich an den seit der Abstimmung beobachteten Fakten messen lassen — und nicht auf das Abstimmungsergebnis selbst.
▲ Annehmende Kantone
Aargau, Bern, Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Graubünden, Luzern, Nidwalden, Obwalden, Schwyz, Uri, Zug.
▼ Ablehnende Kantone
Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden, Freiburg, Genf, Glarus, Jura, Neuenburg, St. Gallen, Schaffhausen, Solothurn, Thurgau, Tessin, Waadt, Wallis, Zürich.

Akteure und Persönlichkeiten

▲ Ja-Lager
Bundesrat
FDP, CVP, SVP, LPS sowie EVP, EDU, FPS
economiesuisse
Strombranche grosse Elektrizitätsunternehmen
▼ Nein-Lager
VPOD Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes, Referendumskomitee
Sozialdemokratische Partei (SP), Grüne
Schweizerischer Gewerkschaftsbund (SGB)
CSP, PdA, Lega, SD sowie die Jungsozialisten
Bemerkenswert : Als fakultatives Referendum zählte nur das Volksmehr: Das Gesetz wurde von 52,6 % der Stimmenden abgelehnt, unabhängig von der Zahl der Kantone.

Argumente und Verdikte

▲ Argumente DAFÜR (Ja-Lager)
Eine unvermeidliche Öffnung, um im europäischen Spiel zu bleiben
« Die Schweiz kann keine Insel bleiben; die Marktöffnung ist nötig, um sich an den europäischen Markt anzubinden und wettbewerbsfähig zu bleiben. »
— Ja-Lager, Kampagne 2002
✓~ Teilweise bestätigt
Teilweise bestätigt. Eine Öffnung fand statt, aber nur teilweise: Das StromVG von 2007 liberalisierte den Markt für Grossverbraucher (über 100 MWh/Jahr). Die vollständige Anbindung an die EU gelang mangels Stromabkommen nie.
Quelle: BFE; StromVG 2007.
Der Wettbewerb wird die Preise senken
« Die Öffnung fördert den Wettbewerb und senkt die Strompreise für die Verbraucher. »
— economiesuisse und Branche, 2002
✗~ Teilweise widerlegt
Teilweise widerlegt. Die versprochene allgemeine Senkung blieb aus: Nur Grossverbraucher konnten ihren Lieferanten wählen, die Haushalte blieben gebunden, und die Energiekrise 2022 brachte kräftige Tariferhöhungen.
Quelle: ElCom; BFE.
Ein gesetzlicher Rahmen ist unerlässlich
« Ohne Gesetz bleibt der Sektor in Rechtsunsicherheit; es braucht einen Rahmen, um die Öffnung zu organisieren. »
— Bundesrat, Botschaft 2000
✓ Argument bestätigt
Bestätigt. Das durch die Ablehnung entstandene Rechtsvakuum zwang das Parlament zu neuer Gesetzgebung: Das StromVG wird bereits 2007 verabschiedet und schafft die Regulatorin ElCom sowie die nationale Netzgesellschaft Swissgrid.
Quelle: StromVG 2007; ElCom.
▼ Argumente DAGEGEN (Nein-Lager)
Eine Bedrohung für den Service public und die Arbeitsplätze
« Die Deregulierung baut den Service public der Stromversorgung ab und bedroht Arbeitsplätze und Versorgungssicherheit. »
— VPOD, Referendumskomitee, 2002
✓~ Teilweise bestätigt
Teilweise bestätigt. Der Sektor wurde umstrukturiert (Netzabtrennung, Gründung von Swissgrid), doch der angekündigte Zusammenbruch des Service public blieb aus und die Versorgungssicherheit hielt — bis zu den Spannungen von 2022.
Quelle: BFE; Swissgrid.
Eine zu schnelle, schlecht eingerahmte Öffnung
« Diese Liberalisierung geht zu schnell und ist nicht kontrolliert; es braucht eine geordnete Öffnung, keine Deregulierung. »
— Nein-Lager, 2002
✓ Argument bestätigt
Bestätigt. Das schliesslich massgebende Gesetz, das StromVG von 2007, wählte genau eine gestufte, regulierte und schrittweise Öffnung — und die zweite Etappe, die vollständige Liberalisierung, wurde nie aktiviert.
Quelle: StromVG 2007; BFE.
Ein Geschenk an die Grossverbraucher
« Die Öffnung nützt zuerst den grossen Unternehmen, während die Haushalte nichts gewinnen. »
— Linke und Gewerkschaften, 2002
✓ Argument bestätigt
Bestätigt. Das StromVG öffnete den Markt nur für Verbraucher über 100 MWh pro Jahr; die Haushalte blieben an ihren Lieferanten gebunden, die vollständige Liberalisierung wurde stets verschoben.
Quelle: BFE; ElCom.

Affiches de campagne (2)

Faktische Bilanz

3
Bestätigt
2
Teilw. bestätigt
1
Teilw. widerlegt
0
Widerlegt
Die Öffnung kehrte zurück, aber eingerahmt
Fünf Jahre nach der Ablehnung organisierte das StromVG (2007) eine teilweise, regulierte Marktöffnung — genau das schrittweise Modell, das die Referendumsführer verlangt hatten.
Quelle: StromVG 2007.
Die Haushalte bleiben gebunden
Die erste Etappe öffnete den Markt nur für Grossverbraucher; die als zweite Etappe vorgesehene vollständige Liberalisierung wurde nie aktiviert, die Haushalte bleiben an ihren Lieferanten gebunden.
Quelle: BFE; ElCom.
~
Die Preissenkung, ein uneingelöstes Versprechen
Der Wettbewerb senkte die Preise für die breite Kundschaft nicht dauerhaft; die Energiekrise 2022 brachte im Gegenteil kräftige Erhöhungen.
Quelle: ElCom.
Analyse éditoriale
Conclusion

Das Volk lehnte nicht jede Öffnung des Strommarkts ab, sondern dieses Projekt. Das Nein von 2002 richtete sich gegen Tempo und Modell: eine als zu schnell und unzureichend eingerahmt empfundene Deregulierung, ohne Garantien für den Service public und die Kleinkunden.

Fünf Jahre später greift das StromVG (2007) das Öffnungsziel wieder auf, aber in einem schrittweisen, regulierten Rahmen mit einer Regulatorin (ElCom) und einer nationalen Netzgesellschaft (Swissgrid). Die Referendumsführer bekamen im Kern zweimal recht: Sie brachten das Gesetz zu Fall und sahen ihre Kritik in das Nachfolgegesetz aufgenommen.

Das grosse Versprechen des Ja-Lagers — sinkende Preise dank Wettbewerb — verwirklichte sich für die Haushalte nicht, die an ihren Lieferanten gebunden blieben. Mehr als zwanzig Jahre später bleiben die vollständige Liberalisierung und ein mögliches Stromabkommen mit der EU offene Baustellen.