Am 24. November 2013 lehnt das Schweizer Stimmvolk die von der Juso lancierte Initiative «1:12 – Für gerechte Löhne» ab. Der Text wollte in der Verfassung festschreiben, dass innerhalb eines Unternehmens der höchste Lohn nicht mehr als das Zwölffache des tiefsten betragen darf.
Die Ablehnung ist deutlich: 65,3 % Nein und der Widerstand sämtlicher Kantone. Kein Kanton nimmt die Vorlage an, auch wenn das Tessin (51 % Nein) und der Jura (52,2 %) nahe herankommen. Die Stimmbeteiligung erreicht 53,6 %.
Der Abstimmungskampf stellt eine Linke, die «Lohngerechtigkeit» verteidigt, einer breiten Koalition gegenüber — Bundesrat, FDP, Mitte, SVP und Wirtschaftskreise —, die in der Obergrenze einen Angriff auf Wirtschaftsfreiheit und Sozialpartnerschaft sieht. Die Initiative folgt wenige Monate auf die Annahme der Minder-Initiative «gegen die Abzockerei» (März 2013).
Über zehn Jahre später stellt AfterVote die Wahlkampfargumente den beobachteten Daten gegenüber: Entwicklung der Lohnschere, Robustheit der Wirtschaft und Wirksamkeit freiwilliger Mechanismen.
▲ Annehmende Kantone Kein Kanton hat die Initiative angenommen. | ▼ Ablehnende Kantone Alle Kantone. Deutlichste Ablehnung: Zug (77 %), Schwyz (76,7 %), Nidwalden (74,8 %). Knappste Ablehnung: Tessin (51 %), Jura (52,2 %), Genf (56,9 %), Freiburg (61,9 %). |
Akteure und Persönlichkeiten
Ja-Lager • Juso Schweiz (Initianten, präsidiert von David Roth) • SP (offizielle Unterstützung, gespaltene Basis) • Grüne • Schweizerischer Gewerkschaftsbund und Unia | Nein-Lager • Bundesrat und Parlamentsmehrheit • FDP, Mitte, SVP und BDP • economiesuisse und Schweizerischer Arbeitgeberverband • sgv (Gewerbeverband) |
Argumente und Verdikte
▲ Argumente DAFÜR (Juso) Die Lohnschere öffnet sich dauerhaft « Der Abstand zwischen dem mittleren und dem höchsten Lohn stieg von 1:6 (1984) auf 1:43 (2011). » — Initiativkomitee / SGB ✓ Argument bestätigt Nach der Ablehnung zeigen die jährlichen «Lohnschere»-Studien der Unia, dass sich der Abstand in den Grosskonzernen weiter geöffnet hat. Bei Roche steigt das Verhältnis zwischen CEO-Vergütung und tiefstem Schweizer Lohn von rund 1:236 (2013) auf 1:307 (2022). UBS, Novartis und Nestlé überschreiten regelmässig 1:200. Quelle : Unia, Lohnschere-Studien 2019-2023. Freiwillige Mechanismen genügen nicht « Sozialpartnerschaft und Selbstregulierung haben die Lohnexzesse nicht verhindert. » — Initiativkomitee ✓~ Teilweise bestätigt Die Minder-Initiative (März 2013) gab den Aktionären eine verbindliche Abstimmung über die Vergütungen («Say on Pay»). Die Transparenz nahm zu, doch die Chefgehälter und die internen Abstände wuchsen weiter, was die Diagnose teilweise bestätigt — auch wenn einzelne Boni unter Aktionärsdruck gedämpft wurden. Quelle : NZZ; Tages-Anzeiger; Unia-Studien. | ▼ Argumente DAGEGEN (Bundesrat, Wirtschaft) Das Schweizer System reguliert sich ohne Obergrenze « Die Lohnpolitik beruht auf Sozialpartnerschaft und Gesamtarbeitsverträgen, nicht auf starren staatlichen Regeln. » — Bundesrat ✗~ Teilweise widerlegt Der gerühmte Regulierungsmechanismus hat die Abstände nicht verkleinert: Sie nahmen in den kotierten Grosskonzernen nach 2013 im Gegenteil zu. «Say on Pay» stärkte die Transparenz, ohne den Trend umzukehren. Quelle : Unia Lohnschere; NZZ. Der Verzicht auf die Obergrenze sichert Arbeitsplätze « Ein starres Lohnkorsett würde Unternehmen zur Abwanderung treiben und Arbeitsplätze gefährden. » — economiesuisse / Bundesrat ✓ Argument bestätigt Ohne Obergrenze hat die Schweiz eine tiefe Arbeitslosigkeit behalten (rund 2 bis 3 % laut Seco) und die Konzernsitze blieben. Eine lohnbedingte Abwanderung blieb aus — wobei das Gegenszenario mangels Annahme nicht überprüfbar ist. Quelle : Seco, Arbeitslosenstatistik. |
Faktische Bilanz
2 Bestätigt | 1 Teilw. bestätigt | 1 Teilw. widerlegt | 0 Widerlegt |
| ~ | Die Lohnschere öffnete sich weiter Die Unia-Studien dokumentieren steigende interne Lohnverhältnisse nach 2013: Roche von rund 1:236 auf 1:307, UBS, Novartis und Nestlé über 1:200. Die Diagnose der Initianten bestätigt sich, doch keine Obergrenze wurde angewandt. Quelle : Unia. |
| ✓ | Die Wirtschaft blieb robust Die Arbeitslosigkeit blieb tief und die Sitze der Grossunternehmen in der Schweiz. Die befürchtete lohnbedingte Abwanderung trat nicht ein. Quelle : Seco. |
| ~ | Mehr Transparenz, nicht mehr Gleichheit Die Minder-Initiative erzwang verbindliche Vergütungsabstimmungen und mehr Transparenz, ohne die internen Abstände zu verkleinern. Quelle : NZZ; Tages-Anzeiger. |
Zehn Jahre später erscheint die Ablehnung der 1:12-Initiative eher als Frage der Methode denn der Substanz. Die Schweizerinnen und Schweizer bestritten nicht, dass grosse Lohnunterschiede bestehen — sie lehnten es ab, ihnen mit einer starren Verfassungsobergrenze zu begegnen.
Die Daten geben den Initianten in ihrer Diagnose teilweise recht: Der Abstand zwischen höchsten und tiefsten Löhnen öffnete sich in den kotierten Grosskonzernen weiter, trotz des «Say on Pay» der Minder-Initiative. Die freiwilligen Mechanismen verbesserten die Transparenz, kehrten den Trend aber nicht um.
Das Nein-Lager sah seine Hauptzusage dennoch eingelöst: Die Schweizer Wirtschaft blieb robust, die Arbeitslosigkeit tief und die Konzernsitze blieben. Die Schreckensszenarien — Abwanderung hier, Einbruch der Einnahmen dort — mussten ohnehin nicht getestet werden, da die Initiative scheiterte.
Offen bleibt eine ungelöste Debatte: Soll man gegen Lohnunterschiede vorgehen, und mit welchen Mitteln? Die Frage kehrte seither zurück, etwa rund um die kantonalen Mindestlöhne in Neuenburg, im Tessin, in Genf und im Jura.