Am 4. März 2018 stimmen die Waadtländer über eine ungewöhnliche Initiative ab: « Für die Rückerstattung der Zahnbehandlungskosten ». 2014 von der PdA und solidaritéS lanciert und mit rund 15'000 Unterschriften versehen, will sie den Mund in die Solidarität holen — Zahnbehandlungen sind die grossen Abwesenden der Krankenversicherung.
Der Text will eine obligatorische Zahnversicherung in der Kantonsverfassung verankern, finanziert nach dem AHV-Modell durch paritätische Beiträge von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Die Kosten werden auf rund 350 Millionen Franken pro Jahr geschätzt.
Die Linke, die Gewerkschaften und ein Teil des Staatsrats sehen darin einen sozialen Fortschritt; die Rechte und die Wirtschaftskreise beklagen eine untragbare Last für die Unternehmen. Gesundheitsdirektor Pierre-Yves Maillard (SP) hatte zwar einen Gegenvorschlag mit einer Zuckergetränke-Abgabe vorgeschlagen, doch dieser wurde im Parlament verworfen. Die Stimmenden entscheiden also nur über die Initiative.
▲ Das Nein-Lager siegt Die Initiative wird abgelehnt: 57,6 % Nein. Stimmbeteiligung: 55,7 %. | ▼ Das Ja-Lager Die Initiative (PdA, solidaritéS, Linke, Gewerkschaften) erreicht nur 42,4 % Ja — zu wenig. |
Die Akteure
▲ Ja-Lager • PdA und solidaritéS (Urheber) • SP und Grüne • Die Mitte (CVP) • Gewerkschaften und diverse Verbände • Teil des Staatsrats, darunter SP-Gesundheitsdirektor Pierre-Yves Maillard (Autor eines Gegenvorschlags) | ▼ Nein-Lager • FDP (geschlossen dagegen) • SVP • Waadtländer Arbeitgeberverband (Christophe Reymond, Generalsekretär) • Wirtschaftskreise |
Argumente und Urteile
▲ Argumente DAFÜR (Ja-Lager) Zahnbehandlungen sind die grossen Abwesenden der Versicherung Die Initianten prangerten einen Zugang an, der nur Zahlungskräftigen offensteht. ✓~ Diagnose bestätigt, Lösung verworfen. Die festgestellte Deckungslücke blieb aktuell: ohne Versicherung blieb die Zahngesundheit « Privatsache ». Ein Vorstoss von 2023 zur Unterstützung der Ärmsten wurde sogar abgelehnt. Quelle: Le Temps; Waadtländer Grosser Rat. Ohne Lösung kehrt das Problem zurück Die Initianten warnten, Untätigkeit verschiebe die Frage nur. ✓ Bestätigt. Das Thema verschwand nicht: nach dem Nein von 2018 und der Ablehnung eines gezielten Hilfsvorstosses 2023 wurde 2025 eine neue Initiative für die Rückerstattung der Zahnbehandlungskosten lanciert. Quelle: solidaritéS Vaud, 2025. | ▼ Argumente DAGEGEN (Nein-Lager) Eine neue Versicherung wäre zu teuer (~350 Mio./Jahr) « Eine Waadtländer Extrawurst mehr » für die Unternehmen, so Christophe Reymond (Arbeitgeberverband). ✓ Last vermieden. Das Nein wandte den obligatorischen Beitrag ab: die Last von rund 350 Millionen jährlich und die gefürchtete Arbeitgeberabgabe blieben aus. Der budgetäre Status quo wurde gewahrt. Quelle: 24 heures; Waadtländer Arbeitgeberverband. Zahngesundheit ist Sache gezielter Hilfe, nicht einer Volksversicherung Die Gegner setzten auf Unterstützung der Ärmsten statt auf eine Deckung für alle. ✓~ Teilweise befolgt. Der Kanton wählte ein gezieltes Präventions- und Versorgungsdispositiv statt einer universellen Deckung. Doch die gezielte Hilfe blieb bescheiden: ein Vorstoss von 2023 zu ihrem Ausbau wurde abgelehnt. Quelle: Kanton Waadt (Staatsrat); Grosser Rat. |
Die Bilanz, seit 2018
Sechs Jahre später blieb die Waadtländer Zahngesundheit Privatsache. Das Nein wandte den obligatorischen Beitrag und seine Kosten ab, doch die von den Initianten angeprangerte Lücke wurde nicht geschlossen — so sehr, dass das Thema wieder auf den Tisch kam.
04.03.2018 Abstimmungsdatum | 42,4 % Ja (abgelehnt) | 55,7 % Stimmbeteiligung | ~350 Mio. Vermiedene Jahreskosten (gesch.) |
Über die Zähne abzustimmen heisst, über die bewegliche Grenze zwischen Solidarität und Eigenverantwortung abzustimmen. 2018 setzten die Waadtländer den Cursor auf die Seite des Portemonnaies: 57,6 % Nein, trotz geeinter Linker und eines erfinderischen Gesundheitsdirektors.
Die Kosten wogen schwerer als das Mitgefühl. Das Argument der 350 Millionen und der patronalen « Extrawurst » verfing in einem Kanton, der soziale Fortschritte liebt, aber nicht immer die zugehörigen Rechnungen.
Das Problem verschwand mit dem Stimmzettel nicht. Ohne Versicherung bleibt die Lücke; eine gezielte Hilfe wurde 2023 abgelehnt, und das Thema ging mit einer neuen Initiative 2025 in die nächste Runde. Die Waadtländer Zähne haben noch nicht ausgestimmt.