Am 18. Mai 2014 entscheiden die Waadtländer über eine neue Schlacht ums Lavaux, jenes Weinterrassengebiet über dem Genfersee, das seit 2007 zum UNESCO-Welterbe gehört. Der Umweltschützer Franz Weber und sein Verein « Sauver Lavaux » reichen ihre dritte Initiative in vierzig Jahren ein.
Die Initiative will einen nahezu vollständigen Schutz festschreiben: Baustopp, eingefrorener Perimeter, einheitliche Regeln gegen den Immobiliendruck. Der Grosse Rat und der Staatsrat halten den Text für zu starr und stellen ihm einen Gegenvorschlag entgegen, der einen verstärkten, aber « lebendigen » Schutz verspricht — mit Rücksicht auf Weinbau und Gemeindeautonomie.
Die Debatte reicht über das Lavaux hinaus: Sie stellt zwei Auffassungen des Landschaftsschutzes gegenüber — das unantastbare Heiligtum gegen das bewohnte und bewirtschaftete Gebiet. Die Winzer fürchten ein Freilichtmuseum; die Initianten prangern die schleichende Verbauung an.
▲ Der Entscheid an der Urne Der Gegenvorschlag des Staatsrats wird mit 68,4 % Ja angenommen. Stimmbeteiligung: 56 %. | ▼ Die abgelehnte Initiative Die Initiative « Sauver Lavaux » wird abgelehnt: nur 31,9 % Ja (68,1 % Nein). |
Die Akteure
▲ Ja-Lager (Initiative) • Verein « Sauver Lavaux » und sein Präsident Franz Weber, historische Figur des Landschaftsschutzes • Stiftung Franz Weber und Vera Weber • Teile der Umweltkreise und Heimatschutz-Komitees | ▼ Nein-Lager (Gegenvorschlag) • Waadtländer Staatsrat und Mehrheit des Grossen Rates • Winzer des Lavaux und ihre Organisationen • Die Gemeinden des Lavaux, an ihrer Autonomie hängend • Fast alle Parteien (FDP, SP, Grüne, CVP, SVP) |
Argumente und Urteile
▲ Argumente DAFÜR (Ja-Lager) Nur ein strenger Schutz bewahrt das Lavaux vor dem Beton « Nur die Initiative erlaubt einen umfassenden Schutz des Gebiets » (Argument der Initianten, 2014). ✗~ Teilweise widerlegt. Der Immobiliendruck wurde seit 2014 tatsächlich eingedämmt — aber dank UNESCO-Eintrag, Raumplanungsgesetz und Gegenvorschlag, nicht durch einen totalen Baustopp. Das geforderte Heiligtum war nicht der einzige Weg. Quelle: RTS, 18. Mai 2014. Der Gegenvorschlag bleibt toter Buchstabe Die Initianten meinten, der Regierungstext « werde nichts Substanzielles bewirken ». ✓~ Teilweise bestätigt. Der Gegenvorschlag brachte tatsächlich einen kantonalen Nutzungsplan (PAC) Lavaux hervor — also nicht « nichts ». Doch seine Langsamkeit nährte die Skeptiker: erst 2019 öffentlich aufgelegt, 2024 noch im Grossen Rat debattiert, zehn Jahre nach der Abstimmung. Quelle: Kanton Waadt (vd.ch); RTS, 2024. | ▼ Argumente DAGEGEN (Nein-Lager) Die Initiative würde das Lavaux « unter eine Glasglocke » stellen Der Kanton hielt die Initiative für « zu starr »; die Winzer wollten kein museales Lavaux. ✓~ Mit dem Verlauf vereinbar. Die Wahl eines « lebendigen » Gebiets führte zu einem PAC für die Nichtbauzonen unter Erhalt des Weinbaus. Die Furcht vor totaler Erstarrung konnte nicht geprüft werden, da die Initiative abgelehnt wurde, doch der gewählte Weg erhielt die Weinbautätigkeit. Quelle: 24 heures, 18. Mai 2014. Der Gegenvorschlag stärkt den Schutz, ohne die Region zu ersticken Der Staatsrat versprach einen « verstärkten » Schutz eines « lebendigen » Gebiets. ✓~ Gehalten, aber mit zehn Jahren Verspätung. Das Gesetz über den Schutzplan Lavaux (LLavaux), 2014 revidiert, schrieb einen PAC innert fünf Jahren vor. Der Plan stärkte den Schutz der Reb- und Landwirtschaftszonen — doch der Zeitplan wurde weit überschritten. Quelle: Kanton Waadt, Gesetz LLavaux / PAC Lavaux. |
Die Bilanz, zehn Jahre später
Zehn Jahre später fällt das Urteil differenziert aus. Der Gegenvorschlag blieb keine leere Hülle — ein kantonaler Nutzungsplan kam zustande — doch seine Umsetzung war so langsam, dass sie den Verfechtern der harten Linie fast recht gegeben hätte.
18.05.2014 Abstimmungsdatum | 31,9 % Ja zur Initiative (abgelehnt) | 68,4 % Ja zum Gegenvorschlag (angenommen) | 56 % Stimmbeteiligung |
Das Lavaux ist das einzige Waadtländer Dossier, über das man abstimmt, neu abstimmt und nochmals abstimmt. 2014 entschieden die Stimmenden nicht zwischen Schützen und Verbauen, sondern zwischen zwei Arten zu schützen. Sie wählten die unspektakulärere.
Das Ergebnis — zwei Drittel gegen die Initiative, zwei Drittel für den Gegenvorschlag — zeichnet eine Wählerschaft, die die Landschaft retten will, ohne sie einzufrieren. Franz Weber, moralischer Sieger jahrzehntelanger Kämpfe, verlor die Schlacht um die Modalitäten.
Die Folge gab jedem Lager ein Argument. Den Gegnern der Initiative: Der « lebendige » Schutz wurde schliesslich Realität. Den Initianten: Es dauerte zehn Jahre — was viel über das Tempo der Waadtländer Raumplanung aussagt.