Am 28. März 2021 bestätigten die Stimmberechtigten von Moutier ihren Entscheid von 2017: Mit 54,9 Prozent der Stimmen (2114 Ja gegen 1740 Nein) beschloss die Stadt — diesmal definitiv —, den Kanton Bern zu verlassen und der Republik und Kanton Jura beizutreten.
Der zweite Urnengang war die direkte Folge der Annullierung der Abstimmung vom 18. Juni 2017, die wegen behördlicher Propaganda und «Abstimmungstourismus» für ungültig erklärt worden war. Um jede Anfechtung auszuschliessen, fand der Vote von 2021 unter beispielloser Aufsicht statt: gesperrtes Stimmregister, kontrollierte Abläufe und 18 Beobachter des Bundesamts für Justiz, die die Auszählung überwachten und jeden Entscheid des Wahlbüros validierten.
Der Abstimmungskampf wiederholte die Themen von 2017, angespannt durch vier Jahre Rechtsstreit: jurassische Identität und mildere Steuern auf der Ja-Seite; Spitalzukunft, Schulen und die Unterstützung des grossen Kantons auf der Nein-Seite. Doch diesmal wuchs der Abstand: 374 Stimmen Mehrheit statt 137 vier Jahre zuvor.
Keine Beschwerde wurde eingereicht. Der Weg war frei für das interkantonale Konkordat Bern-Jura, unterzeichnet 2023, von beiden Stimmvölkern 2024 deutlich angenommen und am 1. Januar 2026 vollzogen: Moutier ist heute jurassisch.
▲ Ergebnis — ANGENOMMEN Ja: 54,9 % — 2114 gegen 1740 Stimmen (374 Stimmen Unterschied). Kommunale Abstimmung vom 28. März 2021 unter eidgenössischer Beobachtung. Keine Beschwerde. | ▼ Abstimmungskarte Das Nein fällt auf 45,1 Prozent zurück: Ein Teil der Unentschiedenen von 2017 wechselt die Seite. Die Stadt bleibt dennoch in zwei Blöcke geteilt — Erbe eines halben Jahrhunderts Jurafrage. |
Akteure und Persönlichkeiten
▲ Ja-Lager (projurassisch) • Komitee «Moutier, ville jurassienne» und die Autonomiebewegung • Autonomistische Mehrheit des Gemeinderats um Stadtpräsident Marcel Winistoerfer (CVP) • Jurassische Kantonsregierung, die den Empfang der Stadt vorbereitet | ▼ Nein-Lager (berntreu) • Komitee «Moutier-Prévôté» und die berntreuen Kreise • SVP des Berner Juras und Gewählte für den Verbleib bei Bern • Berner Unterstützungsversprechen: Regionalfusion, Tagesschule, Rückhalt für das Spital |
Argumente und Verdikte — 5 Jahre danach
▲ Argumente DAFÜR (Ja-Lager) Im Jura sinkt die Steuerbelastung für die Mehrheit der Bevölkerung von Moutier. «Die Anwendung der jurassischen Steuertarife würde die Steuerlast senken, namentlich für tiefe und mittlere Einkommen.» — Im Abstimmungskampf zitierte Expertenberichte (RTS) ✓ Argument bestätigt Per 1. Januar 2026 überprüfbar: Der neue Steuerrahmen senkt die Steuern für die Mehrheit der Steuerpflichtigen von Moutier, und der Kanton Jura hat zur Aufnahme der Stadt keine Erhöhung seines Steuerfusses vorgenommen. Arbeitgeber wenden seit dem Transfer die jurassischen Quellensteuertarife an. Quelle: jura.ch; RFJ, 25. September 2024; moutier.ch (Budget 2026) Diese zweite, unanfechtbare Abstimmung ermöglicht einen geordneten und definitiven Wechsel. «Der Urnengang findet unter Kontrolle eidgenössischer Beobachter statt, mit gesperrtem Stimmregister.» — Zusagen vor der Abstimmung (BJ, Kantone Bern und Jura) ✓ Argument bestätigt Gegen die Abstimmung vom 28. März 2021 wurde keine einzige Beschwerde eingereicht. Der Prozess folgte dem angekündigten Fahrplan: Konkordat im November 2023 unterzeichnet, doppeltes kantonales Plebiszit im September 2024 (72,9 % im Jura, 83,2 % in Bern), Vollzug per 1. Januar 2026. Quelle: Le Temps, 30. April 2021; sta.be.ch; jura.ch | ▼ Argumente DAGEGEN (Nein-Lager) Der Jura wird das Spital Moutier trotz aller Versprechen aushöhlen. «Mehrere Leistungsaufträge würden dem Spital Moutier entzogen — ein Bruch des vor dem 28. März 2021 abgegebenen Wahlversprechens.» — Kritik in der Debatte um die jurassische Spitalliste ✓~ Teilweise bestätigt Die Befürchtung hat sich teilweise bewahrheitet: Der erste Entwurf der jurassischen Spitalliste beliess dem Standort nur 5 Leistungsaufträge (gegenüber 25 unter Berner Planung), bevor sie unter Druck auf 11 erhöht wurden. Die Liste muss mit der Ankunft Moutiers erneut angepasst werden — das Dossier bleibt offen und heikel. Quelle: RTS, 11. Juli 2022; Le Quotidien Jurassien; RJB Der Wegzug wird teuer: Moutier verliert die Berner Unterstützung und destabilisiert die jurassischen Finanzen. «Moutier profitiert von bedeutenden kantonalen Hilfen Berns für Unternehmen und von Covid betroffene Branchen.» — Berntreues Lager, Kampagne 2021 ✗~ Teilweise widerlegt Der Wechsel erfolgte ohne Steuerschock und ohne Unterbruch der Dienstleistungen: Das Konkordat regelte Schulen, Justiz, Verwaltung und Spitalkontinuität, und das jurassische Budget 2026 integriert die Stadt (Defizit von 16,2 Millionen, als beherrschbar eingestuft). Reale Kosten blieben — ausserhalb Moutiers gelöst: 65 Millionen Mindereinnahmen im Finanzausgleich, von beitragszahlenden Kantonen über fünf Jahre kompensiert. Quelle: RTS (Budget 2026); Le Temps, Dezember 2025; jura.ch |
Faktenbilanz · 5 Jahre danach (2026)
2 Bestätigt | 1 Teilweise bestätigt | 1 Teilweise widerlegt | 0 Widerlegt |
| ✓ | Ein unangefochtener Urnengang: Unter den Augen von 18 eidgenössischen Beobachtern siegt das Ja mit 54,9 Prozent; keine Beschwerde wird eingereicht. Der Rechtsstreit von 2017 wiederholt sich nicht. |
| ✓ | Das Konkordat Bern-Jura: unterzeichnet am 24. November 2023, von den Parlamenten klar genehmigt (57:1 im Jura, 112:19 in Bern), dann von den Stimmvölkern am 22. September 2024 (72,9 % und 83,2 %). |
| ✓ | 1. Januar 2026 — Moutier ist jurassisch: 7300 Einwohnerinnen und Einwohner wechseln den Kanton — der erste kommunale Transfer dieser Grössenordnung der jüngeren Schweizer Geschichte. Tiefere Steuern für die Mehrheit, administrative Kontinuität gesichert. |
| ~ | Das Spital, ein Versprechen unter Spannung: weniger Leistungsaufträge als unter Berner Planung (25 → 5, dann 11), die jurassische Spitalliste muss mit der Ankunft der Stadt erneut angepasst werden. |
| ~ | Die Ausgleichsrechnung: Der Transfer kostet Bern und Jura 65 Millionen im eidgenössischen Finanzausgleich; eine Ende 2025 gefundene Lösung verteilt die Kompensation auf die beitragszahlenden Kantone (13 Millionen jährlich über fünf Jahre). |
Der 28. März 2021 gelang, was der 18. Juni 2017 verpasst hatte: ein unanfechtbares Verdikt. Gleiche Frage, gleiche Stadt, aber eine beispiellose eidgenössische Aufsicht — und ein deutlicheres Resultat, das niemand anfocht. Die institutionelle Lektion wiegt schwer: Durch die saubere Wiederholung eines mangelhaften Urnengangs schloss die Schweizer Demokratie ihren letzten grossen Territorialkonflikt ohne Drama ab.
Fünf Jahre danach bestätigen sich die Versprechen des Siegerlagers im Wesentlichen: Die Steuern sanken für die Mehrheit, der Transfer erfolgte nach Fahrplan und ohne Unterbruch der Dienstleistungen. Das unterlegene Lager sieht seine Hauptwarnung im Spitaldossier teilweise bestätigt, wo die jurassische Liste die Leistungsaufträge zunächst kürzte, bevor sie unter Druck korrigierte.
Bleibt das Wesentliche, das keine Abstimmung entscheiden konnte: eine dauerhaft geteilte Stadt, in der 45 Prozent der Stimmenden bernisch bleiben wollten. Ob die Integration dieser Minderheit gelingt — mehr als die Steuertarife —, wird zeigen, ob die Wette vom 28. März 2021 wirklich gewonnen ist.