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Refusée Fédéral Économie, travail et fiscalité Société, famille et égalité 28 février 2016

Volksinitiative «Für Ehe und Familie – gegen die Heiratsstrafe» (CVP)

Am 28. Februar 2016 wird die von der CVP lancierte Volksinitiative «Für Ehe und Familie – gegen die Heiratsstrafe» vom Volk knapp verworfen: 50,8% Nein gegen 49,2% Ja, ein Unterschied von 55 072 Stimmen. Bemerkenswert: Sie wird von 16 6/2…

Oui — 49.2% Non — 50.8%
Participation : 63.1%
L'enjeu de l'époque

Am 28. Februar 2016 wird die von der CVP lancierte Volksinitiative «Für Ehe und Familie – gegen die Heiratsstrafe» vom Volk knapp verworfen: 50,8% Nein gegen 49,2% Ja, ein Unterschied von 55 072 Stimmen. Bemerkenswert: Sie wird von 16 6/2 Kantonen angenommen — der Mehrheit der Kantone —, scheitert aber am Volksmehr.

Die Initiative wollte die steuerliche Benachteiligung verheirateter Doppelverdiener bei der direkten Bundessteuer beseitigen. Ihr Text verankerte zudem eine Definition der Ehe als «auf Dauer angelegte und gesetzlich geregelte Lebensgemeinschaft von Mann und Frau» in der Verfassung.

Bundesrat und Parlament empfahlen die Ablehnung. Drei Jahre später erfährt diese Abstimmung ein beispielloses Schicksal: ihre Aufhebung durch das Bundesgericht.

Methodischer Hinweis: Dieses Factsheet behandelt die Abstimmung sachlich und überparteilich. Die Verdikte beziehen sich ausschliesslich auf die überprüfbaren Kampagnenargumente — also auf jene, die mit den seit der Abstimmung beobachteten Fakten abgeglichen werden können — und nicht auf das Abstimmungsergebnis selbst.
▲ Annehmende Kantone
16 6/2 Kantone nahmen die Initiative an — die Mehrheit der Kantone, vor allem katholische und ländliche Kantone der Zentral- und Ostschweiz.
▼ Ablehnende Kantone
10 Kantone lehnten sie ab, darunter die grossen städtischen Kantone und ein Teil des Mittellands, was genügte, um das Volksmehr ins Nein kippen zu lassen.

Akteure und Persönlichkeiten

▲ Ja-Lager
CVP (Christlichdemokratische Volkspartei) (Initiativkomitee)
Christophe Darbellay (damaliger CVP-Präsident)
EDU, EVP (kleine christliche Parteien)
Ein Teil der SVP (Unterstützung)
▼ Nein-Lager
Bundesrat
Mehrheit des Parlaments
FDP, SP, Grüne, GLP, BDP (breite Parteienfront)
Pink Cross, LGBT- und Frauenorganisationen (gegen die Ehe-Definition)
Bemerkenswert : Seltener Fall einer Divergenz beider Mehrheiten: Die Initiative erhielt 16 6/2 Kantone (Ständemehr), wurde aber von 50,8% der Stimmenden abgelehnt. Ohne Volksmehr war das erforderliche doppelte Ja nicht erreicht.

Argumente und Verdikte

▲ Argumente DAFÜR
Die steuerliche Heiratsstrafe ist eine reale und weit verbreitete Ungerechtigkeit
« Zehntausende Ehepaare zahlen mehr Steuern als Konkubinatspaare mit gleichem Einkommen. »
— Initiativkomitee der CVP, 2016
✓ Argument bestätigt
Die Ungerechtigkeit war real — und von den Behörden sogar deutlich unterschätzt. 2018 räumte der Bund ein, dass 704 000 Paare benachteiligt waren (454 000 Doppelverdiener-Paare und 250 000 Rentnerpaare), nicht die genannten 80 000. Die Diagnose der CVP wurde durch das Eingeständnis der Verwaltung bestätigt.
Quelle: EFD, Mitteilung 2018; BGE 145 I 207.
Nur eine Verfassungsgarantie löst das Problem dauerhaft
« Ohne Verankerung in der Verfassung bleibt die Ungleichbehandlung bestehen. »
— CVP-Komitee, Kampagne 2016
✗~ Teilweise widerlegt
Die Heiratsstrafe wurde letztlich ohne den geforderten Verfassungsartikel beseitigt: durch eine gesetzliche Reform zur Individualbesteuerung, am 8. März 2026 angenommen (54,2%). Der gesetzliche Weg genügte also — allerdings um den Preis eines weiteren Jahrzehnts und mehrerer gescheiterter Anläufe.
Quelle: Bundesgesetz über die Individualbesteuerung, Abstimmung vom 8. März 2026.
▼ Argumente DAGEGEN
Die «Mann-Frau»-Definition würde die Ehe für alle verfassungsmässig verbauen
« Diese Initiative verbietet faktisch die Ehe für alle. »
— Gegner und LGBT-Organisationen, 2016
✓ Argument bestätigt
Der Text definierte die Ehe als «Lebensgemeinschaft von Mann und Frau». Die Ehe für alle wurde im September 2021 von 64,1% der Stimmenden angenommen; hätte die CVP-Klausel in der Verfassung gestanden, wäre die gleichgeschlechtliche Ehe verriegelt gewesen und hätte eine weitere Abstimmung erfordert. Die Warnung hat sich bestätigt.
Quelle: Initiativtext; Abstimmung «Ehe für alle» vom 26. September 2021.
Das Steuerproblem lässt sich per Gesetz lösen, ohne die Verfassung anzutasten
« Eine gesetzliche Reform der direkten Bundessteuer genügt; eine Ehe-Definition gehört nicht in die Verfassung. »
— Bundesrat, 2016
✓~ Teilweise bestätigt
Die Heiratsstrafe wurde tatsächlich per ordentlichem Gesetz behoben — die 2026 angenommene Individualbesteuerung —, was bestätigt, dass eine Verfassungsänderung nicht zwingend war. Der Vorbehalt: Es dauerte zehn Jahre länger, und die Frage blieb bis zuletzt umstritten (21 Kantone gegen die Reform von 2026).
Quelle: Reform der Individualbesteuerung, 2026.

Faktische Bilanz

2
Bestätigt
1
Teilw. bestätigt
1
Teilw. widerlegt
0
Widerlegt
!
Eine aufgehobene Abstimmung, ein Novum seit 1848
Am 10. April 2019 hebt das Bundesgericht die Abstimmung auf: Die Stimmenden waren schlecht informiert, da die offizielle Broschüre von 80 000 benachteiligten Paaren sprach, obwohl es fast zehnmal mehr waren. Es ist die erste Aufhebung einer eidgenössischen Abstimmung der Schweizer Geschichte.
Quelle: BGE 145 I 207; Bundesgericht, 10. April 2019.
Das Ausmass der Ungerechtigkeit, endlich anerkannt
Im Juni 2018 gibt der Bund seinen Fehler zu: 704 000 Ehepaare wurden steuerlich benachteiligt, nicht 80 000. Der Kern des CVP-Arguments wurde damit durch die Verwaltung selbst bestätigt — und sogar verstärkt.
Quelle: EFD, 2018.
~
Das Problem gelöst, aber auf anderem Weg
Mangels Neuabstimmung wird die Initiative vom Komitee zurückgezogen. Die Heiratsstrafe wird schliesslich durch die Individualbesteuerung beseitigt, am 8. März 2026 angenommen (54,2%) — eine gesetzliche Reform, nicht die von der CVP zehn Jahre zuvor gewollte Verfassungsänderung.
Quelle: Eidgenössische Abstimmung vom 8. März 2026.
Analyse éditoriale
Conclusion

Wenige Abstimmungen hatten einen derart eigenwilligen Verlauf. Vom Volk hauchdünn verworfen, obwohl sie die Mehrheit der Kantone überzeugte, wurde die CVP-Initiative anschliessend vom Bundesgericht aufgehoben — ein Novum seit der Gründung des Bundesstaats 1848 —, weil die offizielle Broschüre die Zahl der betroffenen Paare um das Zehnfache unterschätzt hatte.

In der Steuerfrage hatte die CVP recht: Die Heiratsstrafe war real und weit grösser, als die Verwaltung zugab. Dieser Befund ist solide und wurde durch das Fehlereingeständnis des Bundes 2018 bekräftigt.

Doch die Initiative trug einen zweiten, weniger sichtbaren Inhalt: eine verfassungsmässige «Mann-Frau»-Definition der Ehe, die der fünf Jahre später deutlich angenommenen Ehe für alle den Weg verbaut hätte. Hier behielten die Gegner recht, und die CVP selbst gab diese Definition schliesslich auf.

Die Heiratsstrafe fand ihre Lösung ein Jahrzehnt später mit der Individualbesteuerung — per Gesetz, nicht über die Verfassung. Ein Beleg dafür, dass eine richtige Diagnose das vorgeschlagene Heilmittel nicht validiert.