Am 27. November 2005 stimmen die Waadtländer über die zweite Volksinitiative « Lavaux retten » ab, lanciert von Franz Weber und seiner Stiftung. Die Ausgangslage ist speziell: Die 2003 in Kraft getretene Totalrevision der Waadtländer Kantonsverfassung hatte den Artikel gestrichen, der das Terrassen-Weinbaugebiet jahrzehntelang eigens geschützt hatte. Die Initiative will ihn ausdrücklich wieder in der neuen Verfassung verankern.
Lavaux — die Weinbauterrassen über dem Genfersee zwischen Lausanne und Montreux — geniesst seit Franz Webers allererster, 1977 angenommener Initiative einen Pionierschutz. Fast dreissig Jahre später bleibt der Einsatz derselbe: ein solider rechtlicher Wall gegen den Immobiliendruck und die Zersiedelung einer der bekanntesten Landschaften der Westschweiz.
Die Debatte stellt zwei Logiken gegenüber: einerseits ein in der Verfassung eingemeisselter Landschafts- und Kulturgüterschutz, andererseits die Flexibilität einer gewöhnlichen kommunalen Raumplanung. Breit unterstützt, stösst die Initiative nur auf marginalen Widerstand. Bleibt die Frage, ob dieser Verfassungsriegel gehalten hat.
▲ Der Volksentscheid Die Initiative « Lavaux retten » wird mit rund 81 % Ja wuchtig angenommen. Der Schutz der Weinterrassen wird wieder in der Waadtländer Verfassung verankert. | ▼ Marginaler Widerstand Das Nein bleibt klar in der Minderheit (rund 19 %). Die wenigen Gegner hielten die Verfassungsverankerung für überflüssig neben den bestehenden Planungsinstrumenten. |
Die Lager
▲ Ja-Lager • Verein « Lavaux retten » und Stiftung Franz Weber (Initianten) • Helvetia Nostra sowie Heimat- und Landschaftsschutzkreise • Ein breiter Parteienbogen und eine dem Lavaux-Schutz sehr wohlgesinnte Westschweizer Öffentlichkeit | ▼ Nein-Lager • Vereinzelte Gegner aus Bau- und Planungskreisen • Einzelne Politiker, für die ein eigener Verfassungsschutz das ordentliche Recht doppelte |
Argumente und Urteile
▲ Argumente DAFÜR (Ja-Lager) Nur ein Verfassungsschutz bewahrt Lavaux vor dem Beton. « Den Schutz des Gebiets dauerhaft in der Verfassung verankern » (Argument der Initianten, 2005). ✓ Bestätigt. Zwanzig Jahre später bleibt Lavaux eine der am besten erhaltenen Landschaften der Schweiz. Der Verfassungsriegel hat gehalten: Keine massive Zersiedelung hat die Terrassen entstellt, und der Schutz hat alle späteren Angriffe überstanden. Quelle: swissinfo, « Vor 50 Jahren gründete Franz Weber Sauver Lavaux ». Die Verankerung stärkt die Kandidatur fürs Welterbe. « Ein starker Schutzstatus macht die internationale Anerkennung glaubwürdig » (Argument der Befürworter, 2005). ✓ Bestätigt. Nur zwei Jahre nach der Abstimmung, 2007, wird Lavaux ins UNESCO-Welterbe aufgenommen. Der starke kantonale Schutz war ein entscheidender Trumpf des Dossiers. Quelle: UNESCO, Aufnahme von Lavaux (2007); RTS. | ▼ Argumente DAGEGEN (Nein-Lager) Ein eigener Verfassungsschutz ist überflüssig: die Raumplanung genügt. « Das ordentliche Planungsrecht schützt das Gebiet bereits » (Argument der Gegner, 2005). ✗~ Teilweise widerlegt. Die späteren Schlachten — Initiative « Lavaux retten III » (2014), dann der bis 2024 debattierte kantonale Nutzungsplan — zeigten, dass der Immobiliendruck nicht verschwunden war. Die starke Verankerung von 2005 war also keineswegs überflüssig. Quelle: RTS, kantonale Abstimmung vom 18. Mai 2014. Lavaux einzufrieren erstickt Winzer und Gemeinden. « Zu viele Auflagen schaden dem lokalen Leben und dem Weinbau » (Argument der Gegner, 2005). ✗~ Teilweise widerlegt. Weinbau und Tourismus blühten im Gegenteil auf, getragen vom UNESCO-Label und der Bekanntheit des Gebiets. Spannungen über Bauauflagen blieben für die betroffenen Gemeinden allerdings bestehen. Quelle: Waadtländer Tourismusbüro; RTS. |
Die Bilanz, zwanzig Jahre danach
Das Urteil der Geschichte fällt klar zugunsten der Initianten aus. Der Verfassungsschutz von 2005 hat standgehalten, die UNESCO adelte das Gebiet 2007, und Lavaux bleibt eine europäische Referenz für den Schutz von Weinbaulandschaften. Doch der Betonkrieg hörte nie ganz auf: Jedes Jahrzehnt brachte sein Projekt, seine Beschwerde, seine Abstimmung.
27.11.2005 Abstimmungsdatum | ≈ 81 % Ja zur Initiative (angenommen) | 2007 UNESCO-Aufnahme | k. A. Beteiligung |
Mit fast 81 % Ja kommt der Urnengang von 2005 einem Plebiszit gleich. Die Waadtländer korrigieren, was die Verfassungsrevision von 2003 getilgt hatte: Sie verankern den besonderen Schutz von Lavaux mit überwältigender Mehrheit erneut in ihrer Grundordnung.
Die Wette der Initianten erwies sich als visionär. Die bereits 2007 erlangte Aufnahme ins UNESCO-Welterbe bestätigte die Intuition eines starken Schutzes und machte aus einem lokalen Kampf ein internationales Symbol des Landschaftsschutzes.
Doch der Verlauf gab eher jenen recht, die einen endlosen Kampf voraussagten, als den Gegnern, die den Schutz für unnötig hielten. « Lavaux retten III » 2014 und der 2024 debattierte Nutzungsplan erinnerten daran, dass der Immobiliendruck nie ganz abrüstet.
Zwanzig Jahre später bleibt Lavaux ein Lehrstück: Die direkte Demokratie konnte einen dauerhaften Landschaftswall errichten — sofern man bereit ist, in regelmässigen Abständen erneut an die Front zu rücken.